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Der italienische Wein heute

Die zunehmende Zahl tüchtiger italienischer Winzer hat überall im Land zu einer beispiellosen Qualitätssteigerung des Weins geführt. Auch die Lobeshymnen und die überschwänglichen Bewertungen der Fachkritik bestätigen, dass eine Reihe italienischer Rotweine inzwischen zur Weltspitze aufgerückt sind. Trotzdem sind Optimisten der Meinung, dass alles noch viel besser kommen wird, wenn die fruchtbarste Weinbaunation der Welt weiter daran arbeitet, das immerwährende Qualitätspotential ihrer Weingärten zu erschliessen.

Auf einem Gebiet, das kleiner ist als der Staat Kalifornien, erzeugt Italien fast ein Fünftel des weltweiten Weinangebots. In den Jahren seit 1990 lag die jährliche Produktion durchschnittlich bei 5,9 Milliarden Litern und damit etwas höher als die Frankreichs, das allerdings die italienischen Mengen in den letzten Jahren einige Male übertroffen hat. Nach einer Rekordernte von 8,6 Milliarden Litern im Jahr 1980 hat sich die italienische Weinproduktion kontinuierlich verringert. Aber auch der Weinkonsum des Landes ist in den vergangenen dreissig Jahren von 110 auf weniger als 60 Liter pro Kopf gesunken.

Die erfreuliche Schlussfolgerung aus beiden Entwicklungen kann also nur lauten: Die Italiener trinken heute zwar entschieden weniger Wein als früher, dafür aber in umso besserer Qualität. Zweifellos sind überall im Land eindrucksvolle Verbesserungen zu verzeichnen, doch manche Regionen und Anbaugebiete haben mehr erreicht als andere. Die derzeit führenden Weinbauregionen - Piemont und Toskana - liegen in Nord- und Mittelitalien und sind vor allem für ihre Rotweine berühmt. Venetien, Friaul-Julisch-Venetien und Südtirol-Trentino erzeugen hingegen vor allem erstklassige Weissweine. Inzwischen steht auch fest, dass sämtliche zwanzig Anbaugebiete Italiens das Potential haben, aus einheimischen und internationalen Rebsorten erstklassige Weine zu machen. In den kommenden Jahrzehnten allerdings werden die grössten Fortschritte vermutlich im Süden und auf den Inseln Sizilien und Sardinien zu verzeichnen sein.

In Italien, einem Land, das zu etwa achtzig Prozent aus Hügel- und Gebirgslandschaften besteht, wachsen Rebstöcke von den Alpen bis zu den südlichen Gestaden des Mittelmeers. Insgesamt gedeihen in dem Land mehr als 1000 Rebsorten, obwohl deren Zahl vor über hundert Jahren, als die Reblaus die Bestände verwüstete, drastisch gesunken ist. Auch heute noch sind die fast 400 Rebsorten, aus denen in Italien regelmässig Wein gewonnen wird, überwiegend heimischen Ursprungs. Freilich werden auch fast alle wichtigen Rebsorten angebaut, die das übrige Europa zu bieten hat.

lm Trend liegen derzeit die Rotweine, eine Tendenz, die noch durch deren angeblich gesundheitsfördernde Wirkung verstärkt wird. Bei vielen der neu angelegten Kulturen handelt es sich deshalb um rote Sorten, die mittlerweile fast zwei Drittel der italienischen Rebflächen einnehmen. Bedeutende heimische Rebsorten sind: Sangiovese, Barbera, Montepulciano d‘Abruzzo, Dolcetto, Cannonau, Nebbiolo und Negroamaro. Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich aber auch Cabernet Sauvignon und Merlot, die im Nordosten Italiens seit über hundert Jahren verbreitet sind.

Noch vor nicht allzu langer Zeit sah es danach aus, als ob die einheimischen von den so genannten internationalen Rebsorten in Zukunft immer weiter zurückgedrängt werden würden. Doch inzwischen haben sich die Verhältnisse wieder eingependelt, so dass heute lediglich zehn Prozent der italienischen Weinproduktion aus Trauben internationaler Sorten stammen.

Die unvergleichliche Vielfalt der italienischen Weine verdankt sich jedoch nicht allein dem grossen Angebot an Rebsorten, sondern ebenfalls dem unendlichen Reichtum an unterschiedlichen Weinberglagen, Böden und mikroklimatischen Bedingungen auf der lang gestreckten Halbinsel. Das vorwiegend sonnige italienische Klima lässt die Trauben fast überall zur Reife kommen, was möglicherweise auch erklärt, warum die Italiener den Weinbau in der Vergangenheit so häufig mit einer gewissen Nonchalance betrieben haben. Doch inzwischen messen sie der Qualität und damit zugleich der Weinbergspflege eine immer grössere Bedeutung bei.

Die engagierten Winzer des Landes pflanzen heute pro Hektar immmer mehr Rebstöcke an. Sie arbeiten mit wissenschaftlich erforschten Erziehungsverfahren und schneiden die Rebstöcke stark zurück, um die Erträge zu reduzieren. In ertragreichen Jahren dünnen sie den Traubenbehang aus, damit sich die besonders hochwertigen Trauben umso besser entwickeln können. Die Lese erfolgt stets von Hand, damit nur wirklich ausgereifte Trauben geerntet werden, die anschliessend in Kisten sofort in die Kellerei gebracht werden. Dort findet abermals ein Selektionsprozess statt, sodass nur die besten Trauben übrig bleiben.

Doch ungeachtet aller Fortschritte der letzten Jahre liegen die Italiener bis heute hinter den Franzosen zurück, die ihre Rebflächen während der letzten zwei Jahrhunderte kontinuierlich modernisiert haben. Das erklärt auch, weshalb die führenden französischen Sorten - Cabernet, Chardonnay, Merlot, die Pinots, Sauvignon Blanc und Syrah - auch heute noch internationale Massstäbe setzen. Dafür kann Italien sich einer wesentlich grösseren Vielfalt an Rebsorten rühmen, von denen einige zweifellos genauso viel Potential mitbringen wie die besten französischen. Über ihre genauen Eigenschaften werden wir freilich erst Aufschluss erhalten, wenn einige derzeit laufende Forschungsprogramme abgeschlossen sind.

Erst in letzter Zeit haben die Italiener mit der systematischen Selektion hochwertiger Klone heimischer Sorten begonnen und deren Entwicklung auf bestimmten Böden und unter den mikroklimatischen Bedingungen verschiedener Weingüter und Standorte über einen längeren Zeitraum beobachtet. Diese Feststellung trifft auf die beiden piemontesischen Anbauzonen Barolo und Barbareso nur bedingt zu, wo bereits vor über hundert Jahren die Bedeutung bestimmter Weinbergslagen erkannt und dokumentiert wurde. Wie andernorts verwendet man heute in Italien zur Bezeichnung bestimmter Lagen und eng gefasster Anbaubereiche die französischen Begriffe cru und terroir, da es im Italienischen dafür keine Entsprechungen gibt.

Zu der Qualitätsrevolution haben die seit den sechziger Jahren gesetzlich geregelten kontrollierten Ursprungsbezeichnungen erheblich beigetragen. Damals war Italien in der Welt hauptsächlich für seine billigen Massenweine fragwürdiger Herkunft bekannt. Erst die Einführung der Klassifizierung denominazione di origine controllata (DOC) hat im damals noch rückständigen italienischen Weinbau tiefgreifende Wandlungen ausgelöst und dafür gesorgt, dass immer mehr erstklassige Weine - bisweilen sogar ohne Appellation - produziert wurden.

Inzwischen gibt es über 300 DOC-Zonen, darunter 22, die sogar als DOCG-Gebiete ausgewiesen sind und damit einer noch strengeren Kontrolle unterliegen. Erst kürzlich wurde für »typische« Weine bestimmter Anbaugebiete die etwas allgemeiner gehaltene Klassifizierung indicazione geografica tipica (IGT) eingeführt.

Die meisten italienischen Spitzenweine werden inzwischen von den drei vorgenannten Klassifizierungen erfasst, obwohl noch immer riesige Mengen einfacher Trinkweine in den Handel gelangen, die lediglich als vino da tavola ausgewiesen sind. An der Menge gemessen, ist Italien der weltweit grösste Weinexporteur, obwohl ein Grossteil der Produktion als Verschnittwein in andere europäische Länder geliefert wird.

Der schrumpfende Markt für verschnittene Weine hat die Erzeuger im Süden des Landes mit ihren gewaltigen Erträgen allerdings gezwungen, ebenfalls mehr Spitzenweine anzubieten. Dennoch gibt es zwischen den verschiedenen Regionen des Landes bis heute erhebliche Unterschiede in der Bewirtschaftung der Rebflächen.

Die acht nördlichen Regionen (Aostatal, Piemont, Lombardei, Südtirol-Trentino, Venetien, Friaul-Julisch Venetien, Emilia-Romagna und Ligurien) erzeugen zwar weniger als vierzig Prozent der italienischen Weinmenge, jedoch rund 65 Prozent der DOC Weine. Das Piemont ist besonders für seine edlen Rotweine bekannt, obwohl dort im Anbaugebiet Asti auch ein überaus beliebter süsser Schaumwein gewonnen wird. Venetien produziert von allen Regionen die meisten DOC-Weine, darunter Soave, Valpolicella und Bardolino sowie den moussierenden Prosecco di Conegliano-Valdobbiadene. Die Gebiete Südtirol-Trentino und Friaul-Julisch Venetien erzeugen zwar wesentlich weniger Wein als Venetien, verfügen dafür jedoch über einen grösseren Anteil an DOC-Weinen, die vorwiegend aus internationalen Rebsorten gewonnen werden.

In den sechs Regionen Mittelitaliens (Toskana, Marken, Umbrien, Latium,Abruzzen und Molise) werden rund zwanzig Prozent des italienischen Weins und 25 Prozent der DOC-Weine erzeugt. Die Toskana rangiert zwar nach Menge der erzeugten Weine unter den Regionen erst an achter Stelle, ist aber berühmt wegen ihrer DOCG-Rotweine und ihrer »Super-Tuscans«, die jetzt vielfach als IGT-Appellationen ausgewiesen sind. Die Marken, Latium und Umbrien sind vor allem - und in dieser Reihenfolge - für ihre weissen Verdicchio-, Frascati- und Orvieto-Weine bekannt, obwohl auch hier die roten Rebsorten auf dem Vormarsch sind, vor allem der Montepulciano d‘Abruzzo, der sich einer zunehmenden Bewunderung erfreut.

Die sechs südlichen Regionen (Kampanien, Apulien, Basilikata, Kalabrien, Sardinien und Sizilien) erzeugen rund vierzig Prozent des italienischen Weins, doch nur bescheidene zehn Prozent der DOC-Produkte. Sizilien und Apulien sind die grössten Erzeugerregionen Italiens, obwohl der Rückgang des Fassweinexports auch hier die Erzeugung hochwertiger Flaschenweine befördert hat. Inzwischen haben auch grosse Kellereien aus anderen Teilen des Landes im Süden investiert, wo wegen des Klimas kaum Jahrgangsschwankungen zu verzeichnen sind und die Produktionskosten überdies niedriger liegen. Dabei verfolgen sie das Ziel, Spitzenweine zu erschwinglichen Preisen anzubieten - ein Konzept, dem gewiss Erfolg beschieden sein wird.

Die 100 besten italienischen Rotweine von Burton Anderson
Gebundene Ausgabe - 223 Seiten - Heyne, München.
Erscheinungsdatum: 2000
ISBN: 3453176804




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