Italien

Kunst

Kultur

Lifestyle

Kulinarisches

Wein

Grappa

news defusco.ch
Weinbau: Der Aufbruch des Südens

Im Süden brodelt und gärt es. Die Vormachtstellung des Nordens gerät ins Wanken. Weinbauern entdecken alte Sorten neu, interpretieren Techniken um, passen sie ihrer Situation an, finden nach und nach zu neuem Selbstvertrauen. Doch wachsender Erfolg birgt Gefahren. Nirgendwo lässt sich so leicht Wein produzieren wie unter der ewigen Sonne des Mittelmeers. Kaum emanzipieren sich die Winzer des Südens, droht bereits wieder das Gespenst der Masse, das dem Qualitätsweinbau im Mittelmeerraum vor hundert Jahren den Garaus machte.

Montag Pizza, Mittwoch Moussaka, Freitag Paella: die drei Pfeiler mediterranen Wohlseins (oder was wir Mitteleuropäer dafür nehmen) sind integrierter Bestandteil unserer Essgewohnheiten. Was noch vor hundert Jahren als Gipfel des Unterentwickelten und Barbarischen galt, ist heute in. Sonnenbräune, Strand und süsses Nichtstun gefallen allenthalben, und Teigwaren, Ziegenkäse, Gemüse und Olivenöl haben eine wundersame Metamorphose durchgemacht: Gestern Armeleutekost, zählen sie heute zu den beliebten (und teuer bezahlten) Genussmitteln der Post-Yuppie-Generation.

Selbst wenn heute trendigere Reiseziele locken: Wer träumt nicht von einer Reise ans friedliche Mittelmeer? Charter fliegen zur Ferienzeit pausenlos sonnenhungrige Touristen Richtung Strand und Sand, nach Sizilien, der Costa Brava oder Griechenland, und der Club Med hat trotz zeitweiliger struktureller Schwierigkeiten nur wenig an Anziehungskraft eingebüsst.

Nein, so schnell werden die Tourismusplaner die Heuschreckenschwärme nicht wieder los. Sommer für Sommer suchen sie die Côte d’Azur heim oder die Côte Vermeille und mieten sich in die Kaninchenställe von «la Grande Motte» ein und anderer touristischer Gesamtkunstwerke, wo sie eifrig das Mandala mediterranen Temperamentes studieren. Sie erfüllen auch ganz und gar ihren Zweck, die gefrässigen Sommerfrischler aus dem Norden. Bringen Devisen ins Land, reisen nie zurück ohne ein Reiseandenken und verbreiten zu Hause die Lebensart des Südens. Weil sie dies bereits seit bald 30 Jahren tun, wirkt Zürich heute italienischer als Palermo und Köln französischer als Nizza. Welch wohlige Rache für eine so lange durch den Norden geknechtete Kultur.

Und der Wein in all dem? Natürlich hat auch er profitiert von der jährlichen Völkerwanderung, dem Suchen nach Sonne und Erholung. Besonders der Erfolg der italienischen Rebensäfte mag einiges mit der Beliebtheit des Stiefels als Ferienland zu tun haben. Nicht selten hat es ihm aber geschadet. Die Roten der Provence tun sich ewig schwer damit, sich vom Image des Ferienweins zu lösen. In einer Umfrage zu spanischem Wein würde garantiert die Sangria als der bekannteste solche genannt. Griechische Rebensäfte sind zwar höchst willkommen zu Moussaka und Lamm in den Tavernen von Saloniki; haben in Mitteleuropa aber kaum eine Chance, trotz steigender Qualität.

Die meisten Urlauber stellen hier ohnehin keine hohen Ansprüche. Wenn man endlich mal einen draufmachen kann, zählt weniger die Güte, denn die Menge. Höchstens helfen all die fröhlichen Urlauber mit, den Weinsee auszutrinken, den gerade Italien oder Spanien nach wie vor produzieren und auf seine Art auch Frankreich, wenn auch heute mehr und mehr in Form von modischen «vins de cépage», gekeltert für die sortenverrückten Trinker des angelsächsischen Raums. 90 Prozent der italienischen Weinproduktion kommt nach wie vor aus dem Meer der Masse. Gemessen daran sind die paar bekannten Namen, die wir sündenteuer bezahlen, nicht einmal die Spitze des Eisbergs.

Nein, für die Anerkennung der Südweine tun sie herzlich wenig, die Mittelmeertouristen. Zementieren höchstens Vorurteile. Südweine sind alkoholisch und geben Kopfweh und schmecken ohnehin da getrunken, wo sie wachsen, am besten, geht eines von ihnen. Oder: Südweine sind so sonnenverwöhnt, dass sie würzig und aromatisch geraten wie ein orientalischer Markt, nie aber so fein und edel wie ein Wein aus dem Norden. Vielleicht, weil man jahrhundertelang allerlei Gewürze in die Weine des Südens schüttete, um sie haltbarer zu machen und resistenter für den langen Transport, und damit ein Klischee in die Welt setzte, dessen man sich nicht mehr entledigen kann? Die Weinbarone des Nordens tun wenig, solche Vorurteile zu entkräften. Schätzen den Süden wohl als Lieferanten von billigem Tafelwein, als Produzent von Traubenmaterial nach Mass, nicht aber als Konkurrenz zu den eigenen Gewächsen.

Der Weinbau ist zwar nicht direkt im Mittelmeerraum entstanden. Das Mittelmeer als Welten verbindendes Transportsystem hat aber dessen Verbreitung erleichtert. Die Griechen bauten Wein an, gaben ihre Kenntnisse an die Römer weiter, kolonisierten Südfrankreich und brachten die Gallier und Kelten vom Honigbier ab und auf den Wein. Im Gepäck der römischen Legionäre kam die Rebe immer weiter nach Norden, wurde gemächlich den strengeren klimatischen Bedingungen angepasst. Bis ins Mittelalter blieben die Weine des Südens (sofern sie nicht vom Islam unter Acht und Bann gestellt wurden, siehe dazu «Wein und Religion) denen des Nordens an Ruf überlegen.

Der eigentliche Niedergang des Südens setzte erst im 19. Jahrhundert ein, parallel zur Industrialisierung. Die riesigen Weinmengen, die mit wachsender Bevölkerung nötig wurden, konnten im Süden leichter und billiger produziert werden als im Norden. Alles war da: billige Arbeitskräfte, Platz zum Anlegen von Massenweinplantagen, ein Klima, unter dem die Trauben reiften, egal, wie viel man produzierte.

Die alten Qualitätsrebberge in Hanglage wurden verlassen, die Rebe wanderte in die Ebene ab. Im Languedoc, der Provence, Algerien, Korsika, Sizilien, Griechenland, der Levante - überall ist die Geschichte ähnlich verlaufen und hat den heutigen Ruf des Südweins begründet: rot wie Tinte, dick wie Blut, feurig wie Schnaps, unendlich grob gestrickt und bäurisch. Wein für Proletarier.

Dabei ist alles ganz anders. Denn diese Eigenschaften wurden dem Südwein künstlich aufgezwungen, sie sind nicht gottgegeben. Nicht das Klima des Südens, nicht die Sorten des Südens, nicht die Terroirs des Südens geben plumpen Wein, sondern der Wille des Menschen, der Böden, Zonen, Sorten nach einem Gesichtspunkt auswählte: möglichst viel zu produzieren an Weinen, die nicht zuletzt dafür verwendet wurden, die schwachbrüstigen Rebensäfte des Nordens aufzubessern. Um den alten Gespenstern zu entkommen, mussten die Vorkämpfer der Revolution, die im Süden Frankreichs ausgebrochen ist und nach und nach auf die übrigen Mittelmeerländer übergreifen wird, vor allem eines tun: vergessen, was man ihnen einst beigebracht hatte, und noch einmal ganz von vorn beginnen.

www.vinum.info - Europas Weinmagazin
Rolf Bichsel 05/2000




  • Abruzzen
  • Aostatal
  • Apulien
  • Basilikata
  • Emilia Romagna
  • Friaul
  • Kalabrien
  • Kampanien
  • Latium
  • Ligurien
  • Lombardei
  • Marken
  • Molise
  • Piemont
  • Sardinien
  • Sizilien
  • Toskana
  • Trentino
  • Umbrien
  • Venetien


  • Google
    Web defusco