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Bei Chianti und schwarzem Hahn

Einer nicht völlig aus der Luft gegriffenen Sage zufolge soll ein schwarzer Hahn bei Streitigkeiten um einen Landstrich zwischen Florenz und Siena einst die entscheidende Rolle gespielt haben. Es ging um das Chianti-Gebiet, und die verfeindeten Städte wollten es einmal ohne Blutvergiessen versuchen.

Also heckten sie folgenden Plan aus: Beim ersten Hahnenschrei sollte sich sowohl von Florenz als auch von Siena aus ein Reiter auf den Weg machen, und dort, wo beide sich treffen, würde die Grenze sein. Siena entschied sich für einen weissen Hahn, Florenz für einen schwarzen. Doch damit nicht genug: Die Florentiner sperrten ihren Hahn schon Tage zuvor in eine dunkle Kiste, um diesem das Gefühl für Tag und Nacht zu nehmen. Mit Erfolg! Am verabredeten Tag noch in der Dunkelheit aus der Kiste gelassen, krähte der schwarze Vogel sofort drauf los. Kein Wunder, dass sich die Reiter kurz vor Siena trafen ...

Den schwarzen Hahn sieht man heute noch überall im Lande des Chianti. Er prangt als Markenzeichen für die dortigen Weine von Etiketten, Häuserwänden und Werbetafeln. Wein wird zwischen Florenz und Siena fast flächendeckend angebaut, und an unzähligen Stellen kann man direkt beim Erzeuger verkosten und kaufen. Das ist in Ordnung und schmeckt. Wir allerdings sind keine Kenner - und wollen auch keine sein, das wird bloss teuer! Aus Urlauberlokalpatriotismus trinken wir während unseres Aufenthaltes aber wirklich nur Chianti - sowie Wasser, Cola und Espresso.

Und zwischendurch schauen wir uns die Hügel, Häuser, Dörfer und Städte der Umgebung an. Vor Sehenswürdigkeiten und Zeugnissen der Geschichte wimmelt es hier: Arezzo, Volterra, Siena, San Gimignano. Aber auch die kleineren und weniger prominenten Orte haben ihren Reiz. In San Donato in Poggio beispielsweise sehen wir Italien so, wie romantische Touristen es sehen wollen: Natursteinhäuser, enge Gassen, Torbögen, Durchgänge. Die Männer stehen vor und in der Bar, die Jungen vorm Kino und die Mädchen an der Telefonzelle. In Barberino ist's ähnlich, bloss ohne Menschen. Ein Dorf komplett aus Stein steht auf einem Hügel, wir finden einen Laden, der aussieht wie aus den 1950ern ins Heute versetzt, inklusive der Verkäuferinnen, zwei älteren Schwestern; zumindest sehen sie wie Schwestern aus. Staggia Senese wiederum verfügt über eine ellenlange Stadtmauer mit bewohnten Türmen und Colle di Val d'Elsa genau wie Certaldo über eine Alt- und Oberstadt, in der man Mantel-und-Degen-Filme drehen könnte. Alles ist steinern, kein Gras, kein Baum wächst auf den gepflasterten Strassen und Wegen zwischen den alten Palästen und Kirchen. Dafür stehen Blumentöpfe an allen Fenstern und auf den Treppenstufen!

San Gimignano gilt nicht nur als mittelalterliches Manhattan, sondern auch als einer der touristischen Anlaufpunkte der Toskana. Acht Millionen Besucher zählt man pro Jahr! Also fahren wir erst abends hin, wenn die Tagesausflügler weg sind. Doch trotz der relativ späten Stunde ist es in der Stadt der Türme noch richtig voll. Massen in den Gassen sowie auf den Plätzen und klassenweise italienische Jugendliche, die offensichtlich auf heimatkundlicher Exkursion sind. Die 15 noch vorhandenen Wohn- und Wehrtürme - einst waren es 72 - wollen fotografiert werden. Gar nicht so leicht, sie gerade aufs Bild zu bekommen. Noch weniger leicht, das Fotografieren zu lassen. Jede Ecke bietet ein neues Motiv ...

Ebenso Monterriggioni. Eigentlich ein winziger Ort, aber ein besonderer, weil noch komplett von seiner alten Stadtmauer umstanden. Das Ganze auf einem Hügel inmitten von Feldern und Weinpflanzungen. In einem wahren Demonstrationszug geht es vom Parkplatz hinauf zu den Mauern. Diesmal sind wir vormittags angereist und Hunderte mit uns. Schon deshalb sollte man hin und wieder einfach irgendwo anhalten, wo nicht so viel los ist, wie in Radda (herrlicher Panoramablick), Greve (gemütlicher Markt mit Arkaden und Balkonen) oder Panzano, wo Ende April das Festa della stagion bona, das Fest der guten Jahreszeit, gefeiert wird. Die Jugend rast mit Fiat und Flüstertüte durch die Strassen, um es allen mitzuteilen, an Ständen werden Salamibrote, Kuchen und Wein gereicht. Ein Herold berichtet von den alten Tagen, und ein Schurke wird vom Henker aus dem irdischen Leben befördert - auf der Bühne.

Es geht noch kleiner. Lauft durch die Weinberge und Olivenhaine die für die Landschaft so charakteristischen Hügel auf und ab. Durch Gestrüpp und über Pfade, die ausser Euch nur Rehe und Fasane nutzen. Hinunter zum Fluss mit seinem klaren Wasser zwischen Büschen und Bäumen. Setzt Euch hin und blinzelt in die Ferne. Überall verstreut stehen die malerischen, alten Bauernhäuser. In manchen sitzen statt Bauern die Mitglieder der Toskana-Fraktion ...

Und nach der Ruhe dann noch Siena! Die alte Rivalin von Florenz, die Unterlegene und schon darum Sympathische. Wir parken etwas ausserhalb vom Centro, laufen schadet nicht. Im Zentrum ist der Teufel los, auf der Piazza del Campo, dem Hauptplatz der Stadt und Austragungsort der berühmten Pferderennen Palio delle Contrade, lagern Hunderte und schauen auf das imposante Rathaus Palazzo Pubblico und dessen 102 Meter hohen Turm. Oder schauen sich gegenseitig in die Augen, lecken Eis. Letzteres vielleicht aus der Bar und Pasticceria des Bruders von Gianna Nannini? Zumindest drängen sich im Lokal nicht wenige Menschen. Wir drängen wieder raus, wollen zum Dom, zum Geburtshaus der Heiligen Katharina von Siena, müssen noch Brot und Wein holen und unbedingt mal wieder in die Toskana ...

Ernie Le Coq
www.blitz-world.de 16.05.2005




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