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Mehr Schurke als Engel

Önologen kreieren seelenlose Weine für den globalen Geschmack oft in mafiöser Symbiose mit der Weinkritik

Michel Rolland ist weit davon entfernt, ein einfacher, demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn zu sein. Im Gegenteil: Der hyperaktive Önologe aus Bordeaux sagt seinen vermögenden Auftraggebern etwa Château Clinet und Château Kirvan im Bordeaux oder Ornellaia in der Toscana, um nur einige n amhafte Beispiele zu nennen , was Sache ist in der Weinproduktion. Zu verstehen brauchen die Gutsbesitzer seine Anweisungen nicht. Hauptsache, sie führen sie nach seinem Gusto aus. Und bezahlen danach die gepfefferte Honorarnote.

Dann garantiert ihnen Rolland einen vollen, weichen Wein, der die genau richtige Dosis Sexappeal enthält, die den Grosskritiker Robert Parker zu einer hohen Bewertung verführt. Denn Rolland weiss, was Parker mag. Und Parker weiss, was Rolland kann. Die beiden Hauptakteure auf der Weltweinbühne sind seit über zwanzig Jahren eng befreundet. Und Rollands Kunden wissen: Parkers Lob spült weit mehr in die Kassen zurück, als Rollands Ratschläge kosten.

So zumindest zeigt es der eben in unseren Kinos anlaufende Dokumentarfilm «Mondovino». Im Reporterstil eines Michael Moore nähert sich der US-Regisseur Jonathan Nossiter mit subtiler Interviewtechnik und gnadenloser Hand kamera den Protagonisten der Weinerzeu gung im Zeitalter der Globalisierung. Klar, der Film ist einseitig. Und er ist tendiziös. Er arbeitet mit Klischees und Stereotypen: Da sind die Schurken wie die Mondavis (Nossiters Glück: Ihren Zusammenbruch und Konkurs verpasst der Film). Sie schleudern ihre so makel- wie seelenlosen Weine aus nackter Profitgier um die Welt. Ganz anders Önologen wie Philippe Cambie , dessen Weine auf Authentizität setzen.

Michel Rolland mag mit seinem Aktivismus, seiner Handyfixiertheit, seinem nervtötenden Lachen auch in Situationen, wo einem ums Lachen nicht zumute ist, in «Mondovino» überzeichnet sein. Dennoch: Der Mann ist als Paradigma ein Problem. Ein Problem freilich, das sich langsam überlebt hat.

Rolland verkörpert den «Flying Winemaker», ist dessen erfolgreichstes Exemplar. Hebamme und Notfallarzt in einem, jettet er um die Welt und lässt nach ähnlichen Rezepten Weine erzeugen, die stets und eindeutig seine Handschrift tragen. Rolland-Weine sind weich, füllig, fruchtsüss, leicht verständlich und deshalb mehrheitsfähig. Erzielt wird dieser global funktionierende Gout Rolland durch späte Lese im Rebberg, durch Sauerstoffzufuhr beim Traubenmost, was weiche Tannine erzeugt. Und durch viel neues Eichenholz. Sicher, sein Wirken hat eine positive Seite: Es bringt Wein-Knowhow um die Welt. Die Weine sind heute fast überall besser, aber auch gleichförmiger geworden.

In Italien lässt sich der Einfluss der Önologen besonders gut verfolgen

In keinem anderen Land lässt sich der in einzelnen Fällen segensreiche, meist indes fatale Einfluss dieser Daniel Düsentriebs der Weinerzeugung besser verfolgen als in Italien. Vor zwanzig Jahren stand Italien am Anfang einer Weinrevolution. Das Land verfügte über zahllose autochthone, das heisst einheimische Rebsorten und über ein gerüttelt Mass an Weingeschichte, nutzte aber dieses reiche Potenzial viel zu wenig.

Italienische wie ausländische Investoren kauften sich nach dem Zerfall der Halbpacht und der damit einhergehenden Stadtflucht in die Landschaft ein. Sie brachten Risikobereitschaft, Qualitätswillen, Geld und eine romantisch angehauchte Liebe zum Landleben mit, verstanden aber meist nichts von der Weinbereitung. Also kauften sie sich das Wissen. So schlug in Italien die Geburtsstunde des beratenden Önologen. Namen wie Giacomo Tacchis, Franco Bernabei, Vittorio Fiore, Carlo Ferrini, Riccardo Cotarella usw. gewannen in der Szene häufig einen höheren Bekanntheitsgrad als der Name des Weinguts, vom dem sie engagiert wurden.

In einer fragwürdigen, fast mafiösen Symbiose mit der Weinkritik, insbesondere mit dem Meinungsführer «Gambero rosso» schanzten sie ihren Klienten Ruhm und Erfolg zu und zeichneten zweifellos verantwortlich für manch beeindruckenden Wein. Allmählich führte das Buhlen um Gläser und Punkte aber zu einer Verflachung der Weinprofile. Belohnt wurde, was nach Röstaromen und Holz schmeckte einer der hartnäckigsten Anwälte der reinen, neuen Eiche ist Carlo Ferrini. Und bejubelt, was volle, süsse Frucht, reifes, mürbes Tannin und den Chic internationaler Mode aufweist. Hier heisst der Bannerträger Riccardo Cotarella. Seine Weine aus Süditalien wie jene aus Südfrankreich, wo der Umbrier auch tätig ist, verhehlen in keinem Schluck die identische Sternenküche.

Heute sind teure Weine aus wenig bekannten Gebieten ohne Tradition und Geschichte unverkäuflich geworden. Das erfährt besonders hart gerade Italien, dessen zahllose Designweine zurzeit en masse wie Sternschnuppen verglühen.

Zahllose Designweine verglühen zur Zeit wie Sternschnuppen

Um die so genanten «Supertoscans» wie etwa Grifi (Avignonesi), Solengo (Argiano) und viele andere ist es ruhig geworden. Preislich zuoberst auf der Skala situierte Güter wie Trinoro oder Capannelle beklagen sich nicht mehr über Lieferengpässe. Die neuen Weine aus der Maremma mit dem modischen Suffix -aia im Namen liefern sich einen Konkurrenzkampf. Teure Berater, gestylte Flaschen und Etiketten garantieren heute keinen Absatz mehr. Als Winzer eine Chance hat, wer gradlinig, ohne Bluff arbeitet, vernünftig kalkuliert und den Kunden nicht schröpft.

Gefragt und gesucht sind vermehrt die regionalen, terroirgeprägten Weine. Weine aus autochthonen Rebsorten, die nur an wenigen Orten wachsen und ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Das mögen der Grenache in Südfrankreich, der Nero d'Avola in Sizilien, der Blau fränkisch in Österreich, der Merlot im Tessin sein oder die oft auch skurillen Walliser Sorten.

So haben die Önologen der Globalisierung ihren Zenit überschritten. Ein Michel Rolland wird natürlich noch lange atemlos über die Kontinente hetzen. Er spielt in einer Liga, wo der Trainer Kult ist. Doch das Berufsprofil des beratenden Önologen wird allmählich umgeschrieben. Zukunft hat, wer sich auf ein Gebiet spezialisiert, mit den regionaltypischen Sorten arbeitet und im Keller auf eitle Tricks verzichtet, kurz: sein Ego hinter die Sache zurücknimmt.

Vielleicht gelüstet es Nossiter nach einer Fortsetzung. «Regiovino» könnte die heissen. Für handfeste Polemik wäre auch Teil 2 gut. Engel und Schurken finden sich auch auf kleinerem Raum.

Von Martin Kilchmann
www.sonntagszeitung.ch 08.05.2005




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