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Georgien - Die Sonne im Glas und Wein im Blut

Frankreich, Italien, Deutschland oder auch die Schweiz pflegen ihre Weintraditionen. Doch nirgendwo wird der Kult um den Wein so weit getrieben wie in Georgien, wo selbst die Grabsteine der Nationalhelden die Form von Reben und Trauben haben. Vom Wein erhofft sich die krisengeschüttelte ehemalige Sowjetrepublik aber auch wirtschaftlichen Aufschwung.

Als er den Lieferwagen den Kiesweg zu seinem Haus hinauffahren und drei Männer aussteigen sah, wusste Wascha Nikolapschwili, dass er wieder einmal ein gutes Geschäft machen würde. Die Männer trugen Dutzende leerer Glasballons und Plastikkanister in seinen Keller. Nikolapschwili füllte sie mit dem trockenen Weisswein, für den er nicht nur in Telawi, der Weinhauptstadt Georgiens, bekannt ist. Dann schleppten der Vater und seine beiden Söhne die Ballons und Kanister zum Wagen und beeilten sich, zurück zur Hochzeit der Tochter der Familie zu fahren.

«Wenn Georgier eine Hochzeit feiern, muss der Brautvater mindestens fünfhundert Liter Wein in Reserve haben», sagt Nikolapschwili, ein freundlicher Mann mit dünnem grauem Haarkranz um die spiegelnde Glatze. «Wenn es eine grosse Hochzeit ist - besser tausend Liter.»

Dass auch Nikolapschwili selbst eine Menge von konsequenter «Weinvernichtung» versteht, zeigt schon sein majestätischer Bauch. Wenn seine Freunde wieder einmal zu ihm ins Gästezimmer mit der langen Holztafel und dem kühlen Steinfussboden kommen, wählen sie den Hausherrn meist zum Tamada, dem Vorsitzenden jeder georgischen Tafel: ein Amt, für das Eloquenz und Witz ebenso unabdingbar sind wie die Fähigkeit, auch nach dem zwanzigsten Glas standfest zu bleiben.

«Ohne Wein kein Georgier»

Während die Gäste Kalbsschaschlik und Truthahn an Rahmsauce zusprechen, ohne die mit Nussmus bestrichenen Auberginenscheiben, den Spinatbrei mit Granatapfel und das Nationalgericht Chatschapuri - mit geschmolzenem Ziegenkäse gefüllte knusprige Pfannkuchen - zu vernachlässigen, bringt Nikolapschwili die Trinksprüche aus: Auf die Schönheit Georgiens im allgemeinen und seiner Frauen im besonderen. Auf die Lebenden und das Gedenken der Toten. Und auf den georgischen Wein.

«Ein Georgier ohne Wein ist kein Georgier», sagt Nikolapschwili. «Wein ist mehr als ein Getränk. Er ist Teil unserer Kultur.

Manchmal sogar der wichtigste.» Auch Deutschland, Frankreich oder Italien pflegen ihre Weintraditionen. Doch wohl nirgendwo sonst ist der Kult des Weins so gross wie in Georgien, der Schweiz des Kaukusus.

Schon vor 5000 Jahren

Die fünf Millionen Georgier rühmen sich, die in den Boden eingelassenen Tonamphoren in ihren Kellern schon vor 5000 Jahren mit frischem Wein gefüllt zu haben. Auf dem Pantheon, der Ruhestätte für Georgiens Nationalhelden in der Hauptstadt Tiflis, hat mancher Grabstein die Form von Rebe und Traube. Das traditionelle Kreuz der Georgischen Orthodoxen Kirche besteht aus Weinreben, die mit dem Haar des heiligen Nino verwoben sind, der im 4. Jahrhundert das Christentum nach Georgien brachte. Auch der Thron des Patriarchen im Alawerdi-Kloster aus dem 11. Jahrhundert ist - selbstverständlich - mit Trauben geschmückt.

Doch Wein ist nicht nur ein Lebensstil, sondern auch des Landes grösster Verkaufsschlager. Schon Russlands Maxim Gorki pries den Tsinandali, Georgiens berühmten Weisswein, als «die Sonne im Glas». Zu Sowjetzeiten rissen sich nicht nur die Russen, sondern auch Polen, Tschechen und Ostdeutsche um den Wein vom Kaukasus, dem fruchtbare Böden und Sommertemperaturen bis zu vierzig Grad im Schatten ideale Bedingungen bieten.

Vom Handel abgeschnitten

Die Weinbauern von Kachetien, zweihundert Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tiflis, lebten nicht nur in einer atemberaubend schönen Landschaft: einer Hochebene, deren lange Wein- und Sonnenblumenfelder von sanften waldgeschmückten Hügeln auf der einen Seite und von der dramatischen Kulisse der schneebedeckten Viertausendergipfel des Kaukasus auf der anderen eingerahmt werden. Die Weinbauern von Kachetien gehörten auch zu den reichsten Bürgern im Sowjetreich: Was immer sie produzierten, war schon Monate vor der Weinlese verkauft. Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der Privatisierung der vorher staatlichen Weinindustrie und dem jahrelangen Bürgerkrieg im Westen und Norden Georgiens und im südrussischen Tschetschenien wurden die Weinbauern im wahrsten Sinne des Wortes von ihren Kunden abgeschnitten.

Als sich die Handelswege nach dem Ende der Auseinandersetzungen wieder öffneten, hatten westliche Weinhändler und neue Konkurrenten aus ehemaligen Ostblockländern die Nische besetzt. Die Anbaufläche halbierte sich, und von Kachetiens acht Weinfabriken mussten fünf den Hahn zudrehen.

Vom Trio der Überlebenden residiert der «Telawi-Weinkeller» zweifellos im schönsten Domizil: mitten in einem acht Hektaren grossen Park mit hohen Bäumen, sonnigen Lichtungen und dem mehr als anderthalb Jahrhunderte alten ehemaligen Sommerpalast der Tschawtschawadses, die zu Zeiten des russischen Zaren eine der berühmtesten Familien Georgiens waren.

Jahrgang 1814

Die Tschawtschawadses luden nicht nur Alexander Puschkin zur Sommerfrische, sondern bauten 1886 auch eine Weinfabrik und ein riesiges Kellergewölbe für den Wein aus Frankreich und von ihren eigenen Feldern in Telawi. Wenn Kellermeister Paati Giorgoliani heute die prächtige geschnitzte Eichentür öffnet und die Schatzkammer mit den hohen Holzregalen inspiziert, gleitet sein Blick über mehr als 16 000 Flaschen Wein - die älteste von 1814. Alle sechs Monate müssen die Flaschen gewendet, alle zwölf Jahre die Korken gewechselt werden. «Dieser Keller ist unser Reichtum», sagt der Meister stolz.

Am Tageslicht freilich bietet sich ein anderes, weniger rosiges Bild. Zwar untersteht der Weinkeller unmittelbar Präsident Eduard Schewardnadse, der den Teilnehmern seiner Tafel den Wein aus Telawi einschenkt und hohe Gäste zur Erholung in die luxuriösen Gästehäuser des Parks schickt. Die eine Million Dollar, die Giorgoliani und seine Kollegen mindestens bräuchten, um ihre veralteten Produktionsanlagen zu modernisieren, hat freilich auch die Präsidialverwaltung nicht. Noch wollen genug vor allem ältere Kunden den Tsinandali-Weisswein des Kellers kaufen. «Wir überleben dank unserem guten Ruf aus der Vergangenheit», sagt Giorgoliani.

Der Fluch des guten Rufs

Der gute Ruf ist allerdings auch ein Fluch für die Winzer. Bulgaren und Ungarn, Moldawier und Russen: Alle wollen sich vom Renommée der guten Tropfen aus Georgien eine Scheibe abschneiden - und kleben munter gefälschte georgische Etiketten auf ihre Flaschen. «Am dreistesten ist die russische Weinmafia», sagt der Kellermeister. «In Ordschenikidse in Südrussland hat ein Werk unter unserem Namen in einem Monat 400 000 Flaschen Tsinandali abgefüllt. Das Werk ist inzwischen geschlossen - hat aber an einem anderen Ort schon wieder aufgemacht.»

Kampf den Fälschern

Georgi Arsenischwili, ein von Präsident Schewardnadse zum Gouverneur von Kachetien ernannter Mathematikprofessor, streitet seit Jahren in Georgien und bei Reisen im Ausland gegen die Fälschungen und wirbt für das Original. Meistens vergeblich. In Moskau, immer noch dem grössten Markt für georgischen Wein, wird in bis zu neunzig Prozent aller Fälle unter dem richtigen Etikett der falsche Wein verkauft.

Um den Fälschern das Handwerk schwer zu machen, importieren die Chefs der Georgia Wine & Spirits (GWS), eines anderen Weinwerks in Telawi, alle Verpackungsstoffe aus dem Ausland: aus Frankreich die Flaschen, aus Portugal die Korken, aus Italien die Etiketten und die farbigen Halsverschlüsse mit dem Wappenzeichen, einem springenden Pferd mit geflügeltem Reiter.

Die teuren Importstoffe, die amerikanischen Weinfilter und die deutsche Abfüllanlage können sich die Georgier freilich nur leisten, weil eine Tochterfirma des französischen Pernod-Ricard-Konzerns die Mehrheit übernommen und einige Millionen Dollar in das Gemeinschaftsunternehmen investiert hat.

3,5 Millionen Liter

Seit ihrer Gründung vor sechs Jahren hat sich die GWS, selbst nach dem übereinstimmenden Urteil der Konkurrenz, an die Spitze der georgischen Weinproduzenten gesetzt. Neunzig Prozent der dreieinhalb Millionen Liter Jahresproduktion gehen in den Export. Gerade ist Generaldirektor George Mschwidowadse aus London zurückgekommen: Dort hat er den Briten die Botschaft gebracht, dass georgischer Wein «das Geheimnis von Freundschaft und einem langen Leben» sei, was den Absatz bis Jahresende auf die Zahl von einer halben Million Flaschen treiben soll.

Doch auch die Georgier selbst sollen wieder Original statt Fälschung trinken. Alexander Kurdadse, ein 69-jähriger streng blickender Patriarch mit schlohweissen Haaren, Schnurrbart und kantiger Adlernase, hat seine drei Söhne in den letzten Jahren in Tiflis zum eigenhändigen Bau von sieben Weinhandlungen angetrieben. In den mit viel Holz ausgeschlagenen Geschäften bietet Kurdadse 170 verschiedene Weine, Cognac- und Wodkasorten «made in Georgia» an.

Plastikkanister statt Flaschen

Die rasche Expansion kann sich Kurdadse freilich nur erlauben, weil er zu Sowjetzeiten fast drei Jahrzehnte lang das staatliche Weinmonopol mitführte, dem alle Winzer Georgiens unterstanden. Als Kurdadse beschloss, im Kapitalismus eine zweite Karriere zu beginnen, hatte er «zwei Dinge: Wissen und Beziehungen». Deswegen überlassen die Chefs der Weinwerke Kurdadse ihren Wein, ohne dass der alte Jungunternehmer sofort die Rechnungen bezahlen muss. Schon schreinern seine Söhne an einem grossen Weinkeller, der ganzen Autobusladungen westlicher Touristen Platz bieten soll.

Allerdings ist der Dollar- und D-Mark-Segen noch Zukunftsmusik. Das Gros der Kundschaft interessiert sich nicht für die teuren Flaschenweine, sondern bringt selber Glasballons und Plastikkanister mit, um sich aus den grossen Fässern am Eingang den billigen Wein abfüllen zu lassen - für Hochzeiten und andere Festivitäten, bei denen georgische Gastgeber genügend Vorräte auf Lager haben müssen.

Autor: Florian Hassel, Telawi
www.ebund.ch




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