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Pasta und Pizza - Trikolore auf dem Teller
Italien und sein unwiderstehliches Logo


Pasta und Pizza sind der Beweis: Hundert Jahre genügen, um eine nationale Identität zu kreieren. Und zwar so, dass man glaubt, es hätte sie schon immer gegeben. Denn was wäre Italien ohne Pizza und Pasta?

«Es geht nicht darum, Italien geographisch aufzuteilen. Wir müssen doch an jene Werte anknüpfen, die es vereinen können. Und davon gibt es nur zwei: Religion und Pasta.» Auf diesen simplen Nenner hat Kardinal Giacomo Biffi die italienischen Konstanten dieses Jahrhunderts gebracht. In seinem Vortrag vor Studenten in Bologna hat er damit im September 1997 gleichzeitig das Separatismus-Gepolter der Lega Nord als Zeitgeist-Phänomen kritisiert. Pasta und Pizza stehen tatsächlich für eine doppelte Erfolgsgeschichte: In nur hundert Jahren sind sie zu Italiens verführerischen Logos geworden, die überall auf der Welt die Kassen klingeln lassen.

«Gastrocrazia»

In Italien zählen Pasta und Pizza ohne Wenn und Aber zu den Leibspeisen der Politiker und Wähler. Und auch der Nichtwähler. Ob Süd oder Nord, ob links oder rechts. Die «Gastrocrazia» - das Lösen politischer Probleme zu Tische - bestimmt die Agenda der Protagonisten und ihrer Chronisten in den Medien genauso wie Parteitage und TV-Talk-Shows. Dank Silvio Berlusconis Koch Michele Persichini weiss man etwa, dass es dem damaligen Premier an Ferragosto 1994 zwischen Spaghetti mit Scampi und Tomaten/Basilikum- sowie Al-Pesto-Nudeln gerade noch einmal gelang, den unberechenbaren Regierungspartner Umberto Bossi bei der Stange zu halten, bevor die Zweckgemeinschaft in der Adventszeit - diesmal bei Bier, Brot und Sardinen im Hause Bossi - dann auseinanderbrach.

Als verbohrte Lega-Aktivisten 1997 die Pizza als «Brot des Südens» auf die schwarze Liste setzen wollten, machten sie die Rechnung ohne den Senator: Lega-Chef Bossi kann sich zwar ein Leben ohne Rom vorstellen, nicht aber eines ohne Pizza.

Nur zweite Wahl sind Pizza und Pasta dagegen für den gegenwärtigen Premier und seinen Vorgänger. Während Massimo D’Alema auf Fisch und auf Risotto schwört, steht Romano Prodi auf Salat und Steak Tartare. Der bevorstehende Wechsel nach Brüssel als EU-Kommissionspräsident dürfte dem unitalienischen Italiener auch deshalb keine Mühe bereiten. Die Binsenwahrheit von Starkoch Gianfranco Vissani freilich stellt kein Politiker in Frage: «Pasta gehört zu unserem Kulturerbe.»

«Pizza-Boykott»

Dass dem so ist, dafür liefern die Medien täglich Beweise: Der Katzenjammer in der Presse war riesig, als im November die türkische Regierung wegen der Nichtauslieferung von PKK-Chef Abdullah Öcalan aus Rom zum Boykott italienischer Produkte aufrief. «Pizza-Konsum in der Türkei zusammengebrochen», schlug etwa der «Corriere della Sera» besorgt Alarm.

1988 lief man Sturm gegen den Entscheid des Europäischen Gerichtshofes, wonach der Begriff Pasta nicht einzig italienischen Herstellern vorbehalten sei. Und 1996 musste man auf europäischen Druck hin gar den geschützten Heimmarkt für ausländische Pasta-Produkte öffnen. Die Konsumgewohnheiten aber sind unverändert geblieben. Die Treue zum heimischen Pasta-Schaffen ist Ehrensache. Als im letzten Jahr bekannt wurde, wie die deutsche Rechtschreibung reformiert ins neue Jahrtausend will, da war das ein gefundenes Fressen: Mit ätzendem Spott wurden die Deutschen überschüttet, die nichts Besseres zu tun hätten, als den Spaghetti ihr «h» zu klauen.

Von Como bis Catania ist man gleichermassen stolz darauf, dass es für «al dente» in keiner Sprache eine Entsprechung gibt - daran hat auch der «Perfect Pasta Timer» nichts geändert, der seit kurzem im US-Handel angeboten wird.

Küche als Sprache

Weil Pasta und Pizza gewissermassen heilig sind und zum kollektiven Notproviant gehören, hat der Historiker und «Corriere della Sera»-Editorialist Ernesto Galli della Loggia in seine ambitiöse Schriftenreihe zur «italienischen Identität» den Band «La pasta e la pizza» aufgenommen. Verfasst hat es der in Bologna und Paris lehrende Kommunikationswissenschaftler Franco La Cecla. Für ihn ist sonnenklar: «Die Küche ist wie eine gesprochene Sprache.»

Dabei ist die Grundlage für die Erfolgsstory des «Made in Italy» erst 1891 durch Pellegrino Artusis zum Tischkanon gewordenes Rezeptbuch «La scienza in cucina e l’arte del mangiar bene» gelegt worden: Eine bahnbrechende Synthese der diversen reichhaltigen Regionalküchen, die selbstverständlich in schillernder Vielfalt der Zubereitungsarten und in schier grenzenlosen Form-Varianten weiterbestehen. Sie spiegeln regionale Sensibilitäten. Wer Pesto sagt, denkt an Genua, und bei Peperoncini schwingt irgendwie Sizilien mit.

Während Pasta und Pizza im Inland den Italiener gemacht haben, wurden sie im Ausland zum Synonym der Italianità. In den letzten hundert Jahren sind rund 26 Millionen Italiener ausgewandert. Sie haben ihre Küche und Tischsitten mitgenommen - in erster Linie für sich selbst und ihre Nachgeborenen, aber auch für ihre jeweiligen Gastländer.

Spaghetti im Film

Italienische Regisseure haben zur Popularisierung des Nationalsymbols beigetragen. Ihrem Publikum haben sie Pasta-Hymnen vorgesetzt und das Essen als schönste Beschäftigung zelebriert. 1954 drehte Mario Mattoli in «Miseria e Nobiltà» frivole Pastagelage mit Sophia Loren und Totò, dem Nationalkomiker par excellence. Ihm hängen auf dem Tisch stehend Spaghetti gar zu den Rocktaschen heraus. Der vor knapp zwei Jahren verstorbene Marco Ferreri hat mit seiner obsessiv-opulenten Fressorgie «La grande abbuffata» dem Essen ein Denkmal gesetzt - Essen als «way of life».

Der Siegeszug der Pasta zu Tisch und auf der Leinwand hat Künstler auf anderen Kontinenten angesteckt. In «The Sleeper» erwacht Woody Allen plötzlich im Jahr 2020. Alle Sex-Probleme seien gelöst, klärt ihn Diane Keaton auf. Sämtliche Frauen sind jetzt frigid und alle Männer impotent. Ausser den Italienern. Für Woody Allen ist das keine Überraschung, hat er in der Pasta doch schon immer eine Art Viagra-Ersatz vermutet.

Dass Liebe durch den Magen geht und Spaghetti irgendwie erotisch wirken, das zeigt nichts so schön wie die funkelnden Augen des behüteten Cocker-Spaniels und des dahergelaufenen Strassenköters in «The Lady and the Tramp», wenn sie sich an ein- und demselben Spaghetti aus der Walt-Disney-Küche knabbernd langsam näherkommen.

«Mangiamaccaroni»

Zentral für den Pasta-Durchbruch ist Neapel. Das massive Bevölkerungswachstum zwang die Stadtbewohner im 18. Jahrhundert zur radikalen Änderung ihrer Ernährungsgewohnheiten. Pasta war die «revolutionäre» Antwort auf Neapels Bevölkerungsexplosion. Denn Pasta hat viele Vorteile: Sie ist billig, leicht haltbar und rasch zubereitet.

Eine grosse Stadt - um 1800 zählt sie rund 440 000 Einwohner - hatte Überlebenswillen und Improvisationstalent demonstriert und noch dazu, so Pasta-Forscher La Cecla, «eine ästhetische Antwort auf den Hunger gefunden». Seither sind die Neapolitaner «Mangiamaccaroni», die Pastafresser.

Der andere Meilenstein in der Pasta-Erfolgsstory ist die industrielle Revolution. Sie sprengt den Regionalismus endgültig, weicht lokale Traditionen auf und entdeckt den Markt. Die Pasta-Hersteller-Dynastie Agnesi erfindet die Standardverpakkung. Dort findet sich rasch auch Platz für nützliche Konsumenten-Informationen. Ein Werbeträger in eigener Sache ist entdeckt. Neapel hat die Pasta zum Massenprodukt, Agnesi zum Marktrenner gemacht.

Nationale Ideologie

Damit war die Pasta gerade rechtzeitig al dente, um im Faschismus Teil der nationalen Ideologie zu werden. Gesund, patriotisch und einfach - ein klarer Fall für Pasta: Denn Pasta gibt Kraft - dem Bauer für die harte Arbeit und dem Soldaten für den Kampf. Der Fürst von Salaparuta sang sein Loblied auf den sizilianischen Bauer, der dank täglicher Ration Pasta mit Käse, Olivenöl oder Tomaten der glühendsten Hitze und dem härtesten Winter trotze. Pasta ohne Fleisch, denn der Fürst war Vegetarier aus Leidenschaft.

Ein Anhänger des Kriegseintritts Italiens schrieb nach dem Ersten Weltkrieg den «Heroismus, die flinken Muskeln und die Zähigkeit» der Infanteristen ihrem täglichen «Essnapf voll Rigatoni» zu.

Die Pastamanie hat auch Kritiker auf den Plan gerufen. Der grosse Futurist Filippo Tommaso Marinetti geisselte im 1931 veröffentlichten Küchen-Manifest die Pasta als «Symbol der Schwere und Aufgeblasenheit aus vergangener Zeit» und forderte «die Abschaffung der Pasta, dieser absurden gastronomischen Religion». Die Folgen des Pasta-Konsums seien «Schlappheit, Pessimismus, nostalgische Untätigkeit und Indifferenz».

Pizza Margherita

Auch die Pizza stand lange im Ruf, Nahrung der Armen zu sein. Einen Hinweis dafür liefert Alexandre Dumas, der 1835 Neapel besucht hat. Der Autor der «Drei Musketiere» berichtet von der Existenz einer Pizza «ogge a otto», eine Pizza also, die auch erst in acht Tagen bezahlt werden kann - eine Frühform des Verkaufs auf Kredit. Diesen Armenbrot-Nimbus nahm ihr keine Geringere als Kaiserin Margherita von Savoyen, die sich laut Legende 1899 erdreistet haben soll, eine Pizza zu bestellen, um die «Monotonie der französischen Küche» für einmal zu durchbrechen. Der verdatterte Pizzaiolo entschied sich nach langem Zögern für die Nationalfarben Rot, Weiss und Grün - Tomaten, Mozzarella, Basilikum. Sie trägt seither ihren Namen.

Längst ist die Pizza weltweit zum «Italian-Fast-food» avanciert. Und doch hat sie, obwohl gewissermassen Vorläuferin des Take away, bis heute einer totalen Mcdonaldisierung widerstehen können. Zu zentral sind für die Pizza der sichtbare Ofen und der Pizzaiolo geblieben - der Priester der Flamme.

Familienrituale

Pizza und Pasta haben ihren festen Platz in der Erinnerung jedes einzelnen. Bei der Pasta sind sie untrennbar verbunden mit der Kindheit, der Nonna, dem Esstisch und den Gerüchen im Reich der Mamma. Pasta steht für Geborgenheit und sonntägliche Familienrituale.br>
Pizza dagegen weckt Assoziationen an die ersten Ausflüge unter Freunden mit wenig Geld in der Tasche. Sie steht für die ersten Schritte in die Selbständigkeit. Pasta ist die private, Pizza die öffentliche Dimension der Italianità. Franco La Cecla hat dafür einen schlichten Nenner gefunden: «Pizza statt Pasta ist wie Dusche statt Bad.»

Andreas Saurer
Berner Zeitung BZ




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