Italien

Kunst

Kultur

Lifestyle

Kulinarisches

Wein

Grappa

news defusco.ch
Rotes Gold

Die Preise für italienische Spitzenweine schiessen in den Himmel. US-Investoren und rot-grüne Deutsche haben den Boom entfacht.

Meterhohe Felsen zerrt der riesige Traktor aus der von Baumaschinen zerwühlten roten Erde. Kilometerweit ist der Lärm der Baggerschaufeln und Raupenketten zu hören, die mitten im malerischen Chianti-Gebiet zwischen Greve und Castellina einen Hügel schleifen.

Zusätzliche Anbauflächen mit weniger Gefälle, als die Natur sie bereithält, müssen her. Neue Rotweinlagen sollen so entstehen, um mit einem Boom Schritt zu halten, der den vino rosso, ein früher zuweilen gefürchtetes Rausch- und Kopfschmerzmittel, in kaum noch bezahlbare Edelkreszenzen verwandelt.

Der Durchschnittspreis italienischen Rotweins verdreifachte sich binnen zehn Jahren; Spitzenprodukte, etwa bei den Weinsorten Barbaresco und Barolo aus dem Piemont, legten oft um das Fünffache zu.

In den neunziger Jahren haben sich die Grundstückspreise für Weinberge im Veneto und im Piemont verdreifacht, in der Toskana sogar verachtfacht. Von 1,3 auf über 4 Milliarden Mark stiegen die Exporterlöse der italienischen Winzer zwischen 1988 und 1998. Ein Drittel der EU-Produktion, ein Fünftel des weltweit hergestellten Weins kommt heute aus dem Stiefelland.

Im Laufe von nur wenigen Jahren wurden aus eher armen Bauern vielerorts reiche Winzer. Anlagekapital strömte in die Weinberge, Wissenschaft und Technik verbesserten Geschmack und Profit. Amerikaner, Japaner, aber vor allem deutsche Genusstrinker sind neuerdings bereit, für italienische Flaschen genauso viel auszugeben wie früher allenfalls für edle Franzosen.

Bestes Beispiel für den Höhenflug italienischer Rotweine ist das kleine Städtchen Montalcino im Süden der Toskana. Mehr als hundert Jahre wurde dort zwar ein hoch gerühmter Wein gekeltert, aber viel zu verdienen war damit nicht.

Das änderte sich gründlich, als nach den Engländern auch die Deutschen die Toskana in ihr Herz schlossen. Öko-Freaks, Schriftsteller und TV-Grössen reisten ab Ende der siebziger Jahre in immer dichteren Scharen an. Polit-Promis, vor allem rot-grüner Herkunft, sorgten dafür, dass die Daheimgebliebenen vom neuen Trend zu hören, sehen und lesen bekamen.

Otto Schily, heute Innenminister, legte sich 1988 ein so prächtiges Anwesen zu, dass sein alter grüner Kumpel Joschka Fischer, heute Aussenminister, beim ersten Besuch gleich wieder abdrehte. Das, dachte er irrtümlich, könne nicht Schilys Domizil sein, sondern nur der Herrensitz eines toskanischen Adelsgeschlechts.

Zum Kultobjekt, gelegentlich auch zum Zahlungsmittel und zum Wertmassstab der Toskana-Fraktion, wie die konservativen Gegner die Truppe rot-grüner Hedonisten verspottete, wurde der kräftige, samtrote Wein aus dem kleinen Montalcino, der Brunello.

Der Edelwein, der erst nach fünf Jahren Fassgärung in Flaschen gefüllt wird, kostete schon in den achtziger Jahren um die 30 Mark. Das rief neben deutschen Politikern auch geschäftstüchtige Amerikaner auf den Plan.

Die italo-amerikanischen Brüder John und Harry Mariani hatten Millionen von Dollar damit verdient, dass sie einen moussierenden Schlichtwein, den einst auch in Deutschland verbreiteten Lambrusco, an Millionen US-Haushalte verhökerten. Ende der siebziger Jahre kauften die Brüder bei Montalcino ein paar hundert Hektar Weinberge, rissen die alten Rebstöcke raus und verschandelten die Landschaft durch endlose Reihen von Betonpfeilern, moderner Ersatz für die traditionellen, aber schnell modernden Holzbalken.

Für ihr Weingut Castello Banfi engagierten sie Ezio Rivella, einen der berühmtesten Weinexperten. Der kelterte Wein nach völlig neuen Regeln.

Der kommunistische Bürgermeister Montalcinos war damals genauso skeptisch wie die meisten Winzer aus der Region. Doch Jahr für Jahr wurde der Banfi-Brunello besser und begehrter. 1990 erhielt er höchste Qualitätsauszeichnungen, voriges Jahr wurde Castello Banfi bereits ein viertes Mal zum weltbesten Weingut gekürt.

Seit 1995 verkaufen die Newcomer ihren Brunello, bevor der überhaupt zu kosten ist, als Future, wie es an der Börse heisst. Bis zu 200 Mark kostet heute die Flasche, ältere Jahrgänge sind für Normalverdiener unbezahlbar. 18 Flaschen mit drei Weinen aus den frühen neunziger Jahren gingen kürzlich bei Sotheby's Weinauktion in New York für 4450 Dollar weg, gut 9000 Mark.

Der Höhenflug der toskanischen Spitzengewächse riss andere Weine mit. Der Morellino di Scansano zum Beispiel, lange Zeit ein toskanischer Geheimtipp, ist heute nicht mehr für zwei, drei Mark - offen vom Fass - zu haben wie noch vor ein paar Jahren. 20 bis 30 Mark kostet die Alternative zu den berühmten Namen inzwischen.

Im Piemont, in den Hügeln rund um Alba und Asti, ist es nicht anders. Barolo und Barbaresco empfehlen sich mehr als Kapitalanlage denn als Getränk. Von 50 Mark aufwärts werden die meisten gehandelt, ein 95er Barbaresco vom Nobelwinzer Gaja kostet über 300 Mark - pro Flasche. Selbst für den einst preiswerten Barbera werden inzwischen bis zu 75 Mark verlangt.

Dieses Weinwunder hat eine einfache, ökonomische Erklärung: Auf dem früher in Riesenmengen produzierten Lambrusco oder Frascati blieben die Italiener immer häufiger sitzen. In ganz Europa sank der Pro-Kopf-Verbrauch für Massenware.

Viele Weintrinker wanderten zur Konkurrenz aus Chile, Südafrika oder den USA ab. Nur wenn kleinere Mengen in besserer Qualität zu höheren Preisen abgesetzt werden, können Italiens Weinbauern auch weiterhin ihr Geld verdienen.

Der Glanz des roten Goldes wirft allerdings auch tiefe Schatten: Rigoros werden Weinberge abgeflacht und Landschaften umgestaltet; das mediterrane Buschland, die macchia, verschwindet Hektar für Hektar aus den Weinbauregionen.br>
Wein wachse nicht auf Waldboden, beruhigt dagegen der prominente Önologe Riccardo Cotarella die Kritiker des Flächenverbrauchs. Wein verdrängt Obst, Gemüse oder Getreide, niemals Wald. Wohl wahr, halten Ökologen dagegen, aber für die neuen Artischockenfelder oder Obstbaumplantagen werde weiterhin kostbarer Wald gerodet.

Zu den ökologischen kommen ökonomische Risiken. Niemand weiss, wann die Preisspielräume ausgeschöpft sind und die Kunden sauer werden. Sogar Önologe Cotarella muss sich gelegentlich ernsthaft fragen, ob die Mondpreise für Super-Italiener noch angemessen sind.

Sogar einer der besten Winzerkunden könnte demnächst abspringen. 753 000 Liter Wein konsumieren italienische Priester jährlich während der Messfeiern. Einer fast 2000-jährigen kirchenrechtlich abgesicherten Tradition zum Trotz entschied die vatikanische Glaubenskongregation, dass nicht unbedingt Wein im Kelch sein muss. Zur Messe ist nun auch schlichter Traubensaft zugelassen.

HANS-JÜRGEN SCHLAMP
© DER SPIEGEL 26/2000




  • Abruzzen
  • Aostatal
  • Apulien
  • Basilikata
  • Emilia Romagna
  • Friaul
  • Kalabrien
  • Kampanien
  • Latium
  • Ligurien
  • Lombardei
  • Marken
  • Molise
  • Piemont
  • Sardinien
  • Sizilien
  • Toskana
  • Trentino
  • Umbrien
  • Venetien


  • Google
    Web defusco