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In vino sanitas - Wein ist gesund, behaupten neue medizinische Studien

Der Rebsaft ist gesund, verlängert das Leben und hilft angeblich gegen Krebs, Schlaganfall, Alzheimer, Osteoporose und Thrombose, Gallen- und Nierensteine. Eine halbe Flasche pro Mann und Tag kann vorbeugend wirken. Frauen kommen mit etwas weniger aus

Prost! In diesem schönen Wort, entstanden aus prosit, steckt das lateinische Verb prodesse, und das bedeutet nützen. Wein kann der Gesundheit nützen, daher das santé der Franzosen.

Schon ist die Katze aus dem Sack: Dieser Text soll zu bewusstem Weingenuss ermuntern. Also zu einer Form des Drogengebrauchs, daran gibt es nichts zu deuteln. Ein riskantes Unterfangen. Abstinenzpropaganda freilich, wie sich noch zeigen wird, birgt gleichfalls Risiken. In den vergangenen Wochen sind Arbeiten bekannt geworden, die wohl die letzten Zweifel daran ausräumen dürften.

Bewusster Weingenuss, was soll das sein? Das Wort hat mit Wissen zu tun. Wein ist ein unendlicher Wissensgegenstand. Es gibt ein Oxford-Weinlexikon, das zwei pralle Bände umfasst und doch nur das Nötigste vermittelt; das Wissen vom Wein könnte in vier oder vierzig oder vierhundert Folgen einer ZEIT-Serie ausgebreitet werden und wäre noch immer nicht erschöpft. Entwarnung: Wir begnügen uns in den nächsten Wochen mit vier Folgen. Dies hier ist die erste, und sie ergänzt das lateinische Sprichwort in vino veritas um et sanitas. Eine Welle, nein, eine Flutwelle, ein Tsunami medizinischer Studien kommt einhellig zu dem Ergebnis: Moderater Weingenuss kann gewisse vorbeugende Gesundheitswirkungen haben.

Nun wurden etliche dieser Studien von der Alkoholindustrie bezahlt, was die Frage aufwirft: Gibt es eine Korrelation zwischen der Finanzierung einer Studie und ihrem Resultat? In diesem Falle nicht. Zwar wird auch auf diesem Wissensgebiet nicht nur um Wahrheit, sondern auch um Glaube und Interesse gestritten, aber es geht doch ausgesprochen zivilisiert zu; die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) in Hamm beispielsweise informiert sehr wohl über die positiven Wirkungen, die Alkohol unter bestimmten Bedingungen zeigen kann. Es ginge ja auch nicht anders; denn dass Weingenuss schützende Wirkungen entfalten kann, ist eine seit der Antike beinahe bruchlos bis heute fortgesetzte Erfahrung, sowohl in der volkstümlichen als auch in der professionellen Überlieferung.

In jüngster Zeit allerdings kommt es schon ein bisschen dicke: Massvoller Weingenuss soll dem Herzinfarkt vorbeugen, ebenso einigen Krebserkrankungen, dem ischämischen Schlaganfall (dem mit 85 Prozent weitaus verbreitetsten Typ des Hirninfarkts), der Alzheimerschen Krankheit gar; und wem das nicht genügt, dem wird noch protektive Wirkung gegen Osteoporose, Gallensteine, Nierensteine, Thrombosen und Infektionen nachgereicht. Und Depressionen, aber das versteht sich von selbst. Die vielen, dem Wein nachgesagten Schutzwirkungen verblassen indes vor der Liste der Gefahren, die übermässiger Weingenuss mit sich bringt: Leberzirrhose, Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, Krebs, Herzinfarkt, hämorrhagischer Schlaganfall; und Säuferwahn, aber das versteht sich von selbst.

Offenbar ist Weingenuss, wie alles, eine Frage des Masses. Was eine Leerformel bleibt, solange niemand das Mass bestimmt. Just dies zu tun ist nun die Aufgabe der modernen Form der Erfahrungsmedizin, nämlich der statistisch geführten Studien. Deren Methodik erweist sich freilich als tricky. Ein klassischer Doppelblindversuch beispielsweise bleibt unpraktikabel, denn eine nach Wein schmeckende, aber neutrale Kontrollsubstanz, ein Placebowein also, dürfte Gott sei Dank bis auf weiteres jenseits aller Getränketechnik liegen. Bleiben noch Epidemiologie (also die systematische Beobachtung von Bevölkerungsgruppen), Tierversuche und Laborexperimente in vitro. Die indes fördern allerhand zutage.

Der Epidemiologe Ulrich Keil vom Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin in Münster ist der Ansicht, dass etwa fünfzig epidemiologische Studien einer methodenkritischen Überprüfung standhalten; sie weisen mit erdrückender Mehrheit darauf hin, dass der Genuss von zwanzig bis dreissig Gramm Alkohol pro Tag (also nicht nur Wein!) das Risiko einer Erkrankung der Herzkranzgefässe in etwa halbiert und auch ansonsten mit einer deutlich geringeren Mortalität einhergeht.

Nun wurde in der Vergangenheit die Frage aufgeworfen, ob diese epidemiologischen Studien womöglich nur aufgrund gemeinsamer Fehlerquellen zu dermassen übereinstimmenden Ergebnissen kamen. Beispiele: Probanden, die als Nichttrinker geführt wurden, waren womöglich abstinent gewordene Alkoholiker; eine bestimmte Zahl von Nichttrinkern wurde wegen besonderer gesundheitlicher Probleme abstinent oder ist seelisch irgendwie gestört; Studienteilnehmer neigen zu falschen Angaben über ihr Trinkverhalten; Alkoholgenuss und seine verschiedenen Formen gehen einher mit anderen, gesundheitsrelevanten Faktoren wie zum Beispiel Rauchen, Ernährung, Sport, Wohnort.

Um das zu überprüfen, führte der Bostoner Epidemiologie Malcolm Maclure eine sogenannte Meta-Analyse durch, die nach allgemeiner Ansicht die Diskussion beendete (Epidemiologic Reviews, Bd. 15, 1993, S. 328 ff). Meta-Analysen sind ein umstrittenes Instrument, sofern sie lediglich Daten aus vielen Studien in einer Art Superstatistik zusammenfassen. Doch Maclure ging einen anderen Weg. Er sortierte zunächst diejenigen Studien aus, die methodische Schwächen aufwiesen. Bei den übrigen prüfte er die Wahrscheinlichkeit von Fehlerquellen und rechnete deren mögliche Wirkungen durch. Sein unabweisliches Resultat: Das Schicksal von Hunderttausenden Menschen aus über zwanzig Ländern unterschiedlichster Kulturen, über viele Jahre und mit vielfältigen Methoden beobachtet, erhärtet die These von der schützenden Wirkung mässigen Trinkens.

Die jüngste, nach bisherigem Wissen wasserdichte Studie erschien vor wenigen Wochen im British Medical Journal (Bd. 314, 1997, S. 1159 ff) und wies diesen Effekt in einer überwiegend Bier trinkenden australischen Population nach. Das stimmt nahtlos mit der von Ulrich Keil kurz zuvor veröffentlichten Studie aus dem Raum Augsburg überein (Epidemiology, Bd. 8, 1997, S. 150 ff). Der Münsteraner Mediziner wird sie Ende August auf einem Symposium über Alkohol, Herzkranz-Erkrankungen und allgemeine Sterblichkeit des Europäischen Kardiologenkongresses in Stockholm zur Diskussion stellen. Doch so viel ist schon jetzt klar: Abstinenz ist riskant - und noch riskanter ist das Saufen. Weshalb sicherheitshalber hinzugefügt werden muss, dass suchtgefährdete Menschen besser trockenbleiben sollten, anstatt es mit moderatem Genuss zu versuchen, der im Wortsinne fliessend in den Abusus übergehen kann. Es gibt schliesslich Methoden der Präventionsmedizin, die weniger abschüssig sind als der Alkoholkonsum, etwa die ausgewogene Ernährung und der Sport.

In den Alltag übersetzt, lautet die Lehre des Ganzen, dass für Männer eine halbe Flasche Wein pro Tag gesund ist, für Frauen etwas weniger vorausgesetzt, es wird nicht ausschliesslich extrem alkoholreicher Wein wie zum Beispiel italienischer Amarone getrunken; ferner vorausgesetzt, der Wein ist sauber, es liegt keine Allergie gegen Sulfite oder andere Inhaltsstoffe vor und der Trinker ist nicht suchtgefährdet. Etliche Studien (insbesondere aus Skandinavien) belegen überdies, dass nur ein annähernd gleichmässiger Alkoholkonsum segensreich wirkt; ein Saufgelage nach einer trockenen Woche lässt sich zwar rechnerisch, nicht aber medizinisch als Masshalten hinstellen.

Gelegentlich wird dem noch entgegengehalten: Auch massvoller Alkoholgenuss dürfe nicht propagiert werden, denn je mehr massvolle Trinker es gebe, desto mehr auch masslose Trinker. Doch das ist pure Behauptung geblieben; der durchschnittliche und der extreme Alkoholgenuss sind in den verschiedenen Weltregionen dermassen unterschiedlich verteilt, dass sich ein Zusammenhang nicht ausmachen lässt.

Ist damit alles geklärt? Beileibe nicht! Es wogt nämlich eine Debatte darüber, ob Weintrinken gesünder sei als der Konsum anderer Alkoholika. Und diesmal gibt es durchaus eine Korrelation zwischen der Nähe der Forscher zur Weinwirtschaft und ihren Ergebnissen - was nicht sagt, dass sie fälschen, sondern wiederum nur zur Vorsicht mahnt. Der kalifornische Kardiologe Arthur L. Klatsky, der kürzlich auf einem von der Weinwirtschaft bezahlten Symposium beim Deutschen Internistenkongress sprach, weist indes darauf hin, dass nur wenige Studien eine unterschiedliche Wirkung von Bier, Wein oder Schnaps nahelegen - und dass diese Wirkung wohl eher von unterschiedlichen Trinkund Essgewohnheiten innerhalb einer bestimmten Population herrühre als von biochemischen Ursachenketten. Eine der wenigen kulturübergreifenden Vergleichsstudien, die im vergangenen Jahr erschienen (American Journal of Epidemiology, Bd. 143, 1996, S. 1089 ff), wurde im biertrinkenden Irland und im Weinland Frankreich erhoben; sie erbrachte keinen Unterschied. Ulrich Keil: Nach mehrheitlicher Ansicht ist der Alkohol der entscheidende Wirkstoff. Er verdünnt gewissermassen das Blut und wirkt insofern wie Aspirin. Ausserdem erhöht er den Anteil des HDL - also des guten, des schützenden Typs Cholesterin.

Die Diskussion ist keineswegs ausgestanden. Die Fortschritte der analytischen Technik versetzen die Chemiker gegenwärtig in den Stand, immer neue Wirkstoffe im Wein nachzuweisen, die als Kandidaten für Infarkt- und Krebsprävention in Frage kommen; sie stammen aus den Traubenschalen und sind im Wein, vor allem im roten, daher konzentrierter vorzufinden als in gewöhnlichem Traubensaft. In seinem überaus lesenswerten Buch Täglich Wein (Hallwag Verlag, 1997) ficht der Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm daher mit vielen Belegen und noch mehr Engagement dafür, dem Wein eine präventionsmedizinische Sonderrolle zuzumessen. Tatsächlich konnte eine in Science (Bd. 275, 1997, S. 218 ff) veröffentlichte Untersuchung kürzlich zeigen, dass einer dieser Zusatzstoffe, das vieldiskutierte Resveratol, die Krebsentstehung bei Ratten hemmte. Überraschungen dürfen also noch erwartet werden; unbestreitbar ist freilich, dass der Wein mit dem Alkohol wohl seinen mächtigsten Wirkstoff enthält, und den in beachtlicher Konzentration.

Leider verbleibt ein ungelöstes Problem: das mit der halben Flasche Wein.

Zwar werden einige Weine, auch sehr schöne, in sogenannten halben Flaschen (circa 0,35 Liter) angeboten, was bei Proben oder Menüs im kleinen Kreise gewisse Vorteile birgt, aber letztlich bleiben sie eine unbefriedigende Darreichungsform. In kleinen Flaschen altert der Wein gemeinhin schneller (doch, das stimmt, denn das Verhältnis von Flaschenoberfläche und Volumen, namentlich von Verschlussfläche und Volumen ist grösser). Ausserdem machen viele Rotweine nach dem Öffnen eine gewisse Entwicklung durch, und die lässt sich nun einmal beim Konsum einer 0,7-Flasche oder gar einer Magnum besser verfolgen als bei einem halben Fläschlein. Das ist der erste Teil des Problems.

Der zweite, heiklere: Alkohol ist nicht bloss dazu da, den Duft und den Geschmack zu unterstützen, auch wenn manch ein domestizierter Weintrinker das behauptet.

Unsere Kultur, wie jede andere, ist auch eine des Rausches. Sie hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen: Alkohol enthemmt, und diese Enthemmung kann sehr wohl positiv wirken. Aber der Preis ist hoch: Unfälle, Gewalt, nicht zuletzt sexuelle Gewalt gegen Frauen. Es gibt eine stillschweigende Übereinkunft der Gesellschaft, das eine haben zu wollen und dafür diesen Preis zu zahlen. Das sagt Martin Klewitz, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Abstinenzverbände, und er hat recht damit. Womit die Verantwortung in die Hand des einzelnen gelegt ist, mit der er sein Glas zum Munde führt. Sie darf beispielsweise nicht anschliessend zum Zündschlüssel greifen. Unfasslich, dass man das immer noch hinschreiben muss.

Bewusster Weingenuss umschliesst das Wissen von den sozialen und kulturellen Wirkungen der Berauschtheit. Dieser verrückte Zustand ist keineswegs per se etwas Böses, weshalb schon der weise Philosoph Sokrates nichts dabei fand, seinen jungen Freund Alkibiades regelmässig unter den Tisch zu trinken. Geradezu beruhigend viele Moralisten, ob christlich oder nicht, haben sich schon für den gelegentlichen Weinrausch ausgesprochen, etwa solch untadelige Berühmtheiten wie der Winzer und Schriftsteller Michel Eyquem de Montaigne (1533 bis 1592), dessen zweiter Vorname an den prächtigsten Süsswein der Welt erinnert, den Château d'Yquem.

Niemandem soll verwehrt bleiben, den Weinkeller vorwiegend als Hausapotheke anzusehen, deren Mittelchen ja allesamt nur in der richtigen Dosis Arznei sind. Aber es gibt eben ein noch stärkeres Motiv für den Weingenuss als das et sanitas.

Es heisst et felicitas.



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