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Das Trentino jenseits der Massenweinchen

Das Weingebiet zwischen Gardasee und Südtirol ist besser als sein Ruf.

Das Trentino hat ein Problem. Die Region zwischen Südtirol und dem Gardasee produziert zwar viel Wein, doch steht sie ganz im Schatten ihres nördlichen Nachbarn. Während es die Südtiroler in den letzten zehn Jahren geschafft haben, eine breitere und verlässlichere Palette von guten Weinen aufzubauen, wird das Schaffen im Trentino kaum zur Kenntnis genommen. Das schmerzt.

Die Trentiner haben mit den Südtirolern einen grossen Teil ihrer Geschichte wie siamesische Zwillinge durchlitten, gleichzeitig sind sie aber eigenständig geblieben und grenzen sich gegen oben wie unten ab. «Oberhalb von Salurn sind die Deutschen, unterhalb Avio die Italiener», heisst die Redewendung.

Die natürlichen Bedingungen und die Strukturen der beiden autonomen Provinzen sind ähnlich. Vergleichbar ist das freundliche, milde Südalpenklima. In den Sommermonaten staut sich die Wärme in der Ebene und in den Talkesseln, während in den Rebterrassen an den Bergflanken immer wieder eine kühlende Brise weht. Vergleichbar sind auch die Böden. Klima wie Terroir sowie die unterschiedlichen Höhenlagen erlauben ein Spiel mit den Rebsorten. Vergleichbar schliesslich sind auch die Weinwirtschaftsstrukturen: Es gibt unzählige Freizeitwinzer, die Rebflecken von wenigen Aren Grösse bearbeiten. Das zieht eine genossenschaftliche Organisation nach sich und bedeutet konkret, dass Weinerzeugung und -verkauf hauptsächlich von Winzergenossenschaften übernommen werden.

Die Genossenschaften bilden somit im Südtirol und noch stärker im Trentino die zentrale Macht. Doch während die Genossen im deutschsprachigen Teil der Region es verstanden haben, ihre Mitglieder rechtzeitig auf Qualitätskurs zu bringen, hielten die Trentiner grösstenteils an der Produktion von austauschbaren Massenweinchen fest - und dies inmitten eines kostbaren Weingebiets, das mit seinen guten natürlichen Bedingungen zu Höherem berufen wäre.

Mezzacorona etwa, grösster Abnehmer der ausschliesslich im Trentino heimischen Sorte Teroldego, macht aus der Traube ein harmloses Weinlein. Dabei beweist die Klassewinzerin Elisabetta Foradori, 34, welche verhaltene Schönheit entstehen kann, wenn die schlummernden Talente des Teroldegos genutzt werden. Dafür müsste jedoch auf die bequeme Pergola verzichtet und auf das arbeitsintensivere Guyot-System gewechselt werden. Ausserdem müsste man mit weniger wuchskräftigen Klonen und der Hälfte, ja einem Drittel des gewohnten Ertrags arbeiten. Und der Sorte müsste auch im Keller grössere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Erst, wenn sich alle Details zusammenfügen, entsteht aus der Gesamtsumme jener nach Kirschen und Brombeeren duftende Wein mit dem kernigen Tannin und der feinen Säure, wie ihn Elisabetta Foradori anbietet.

Sie machte den Betrieb zu einem der schönsten Weingüter Italiens

Die Klassewinzerin gehört zum erlesenen Kreis jener Rebbauern, die im Trentino herausragende Gewächse produziert. Mit Ausdauer, Zähigkeit und der Ruhe einer Indianerin hat sie in den letzten 14 Jahren den von ihrem Vater geerbten Betrieb zu einem der interessantesten und schönsten Weingüter Italiens gemacht. Ihre grosse Leidenschaft gilt dem Teroldego. Hektar für Hektar wurde neu mit hochwertigeren Klonen bestockt, die Pflanzdichte erhöht und der Ertrag auf weniger als die ortsübliche Hälfte reduziert. Zwei Etiketten künden heute vom Potenzial der Sorte: der kirschenfruchtige, saftige Basiswein und der dichtere, konzentriertere, aber auch holzbetontere Granato.

Neben der Teroldego-Winzerin in Mezzolombardo sind der Topklasse vor allem Mario Pojer und Fiorentino Sandri zuzurechnen. Sie wirken in luftiger Höhe auf der gegenüberliegenden Talseite in Faedo - mit atemberaubendem Blick auf die Rotaliano-Ebene - und haben wahrscheinlich als Erste mit einer systematischen, konsequenten Qualitätspolitik begonnen. Zumindest Sandri sieht das so. Im Gespräch erwähnt er immer wieder, wo er und sein Weggefährte überall eine Pionierrolle übernommen haben - etwa 1983, als sie als Erste die Barrique für den Chardonnay eingesetzt, den Sauvignon blanc im Trentino eingeführt oder mit dem Weinbrand Divino auf der gutseigenen Brennerei einen Brandy aus eigenen Trauben destilliert hatten.

Sandri will mit diesen Taten nicht angeben. Die Hinweise kommen eher verlegen. Er dokumentiert damit bloss die Innovationskraft des berühmten Winzergespanns, das wohl mehr aus einem Sachzwang heraus - seine Reben klettern bis 700 Meter hoch und liegen nicht alle in erstklassigen Lagen - vorwiegend auf Weissweine setzt und den eleganten, fruchtigen, säurebeschwingten Typus favorisiert.

Wer die Tenuta San Leonardo, den dritten im Bunde der Trentiner Spitzenerzeuger, besuchen will, muss dem Lauf der Etsch bis zur südlichen Grenze des Trentino folgen. Für Marchese Carlo Guerriri Gonzaga heisst die Steigerungsform selbstsicher «Gaja - Sassicaia - San Leonardo». Zu dieser Schlussfolgerung gelangen Besucher, wenn sie dem Plakätchen Glauben schenken, das an der Wand des herzoglichen Kontors hängt.

San Leonardo ist von den drei genannten Top-Betrieben derjenige, der am wenigsten mit dem Trentino liiert ist. Das hat nicht nur mit dem Besitzer zu tun - der Marchese ist in Auftreten, Sprache und Gestik der Prototyp des italienischen Adligen. Das liegt auch am Wein, der auf dem geschichtsträchtigen Gut erzeugt wird: Ein Blend aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot, ein aristokratischer «Bordeaux» vom Gardasee.

Kein Anflug von Peperoni und grasig-pfeffrigem Kräuterduft steigt einem in die Nase wie bei anderen Trentiner Roten auf Cabernet-Basis. Die vorbildlich gepflegten Weinberge von San Leonardo profitieren eben besonders von den warmen Winden des Gardasees und den schützenden und wärmespeichernden Felswänden der Lessiner Berge. Edle Tabak- und Zedernholzaromen sowie pflaumige Noten und schwarze Johannisbeeren künden von ausgereiftem Traubengut und gelungenem Barrique-Einsatz. Der San Leonardo ist ein faszinierender Einzelgänger unter Italiens Rotweinen. Ein Verwandter des Sassicaia, zu dessen Entstehen der einst in Lausanne zum Önologen ausgebildete Marchese Carlo massgeblich beigetragen hat.

Das Trentino hat mit seinen Charakterweinen Profil verdient

Vereint mit neuen, sich zurzeit einen Namen schaffenden Weingütern wie Cesconi, Maso Furli oder Graziano Fontana gelingt es den drei Top-Betrieben vielleicht schon bald, das eintönige Dröhnen der Genossenschaften zu überlagern und dem Trentino ein eigenständiges Profil zu verschaffen. Ein markantes Image, das auf Charakterweinen gründet und das auch dem Südtirol erfolgreich die Stirn bietet - in einem freundschaftlichen Wettstreit, versteht sich.

VON MARTIN KILCHMANN - SonntagsZeitung



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