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Jahrhundertweine - Genuss wider die Zeit

Die Kultur des Superlativs ist ein Kind unseres abgelaufenen Jahrhunderts und das Aufstellen von Bestenlisten die konsequente Folge davon: die kürzesten Boxkämpfe, die schnellsten Autos, die grössten Konzerne und die teuersten Gemälde. Auch die Katalogisierung sogenannter Jahrhundertweine gleicht einem solchen sportlichen Spiel mit der Prominenz in einem Journal des Luxus und der Moden.

Aber am Beginn eines neuen Jahrhunderts, ja Jahrtausends wird ein sinnierender, durchaus genussvoller und von leisem Augen- zwinkern flankierter Versuch, die in einem langen Weintrinkerleben gesammelten Erkenntnisse auszuwerten und seine persönlichen Favoriten zu benennen, wohl erlaubt sein.

Also wurde schliesslich auch ich zum Suchenden, zum Zweifler, zum Hamlet zwischen Sein und Nichtsein, ob der Frage, welches Gewächs so grandios und unverwechselbar geschmeckt hat, dass es den Kultstatus eines Jahrhundertweins verdient. Jahrhundertwein! Das ist ein gewaltiges Wort. Und man sollte es tunlichst auch erst jetzt in den Mund nehmen, da der letzte Herbst des alten Jahrhunderts eingefahren ist. Naturgemäss haben solche Listen höchst subjektiven Wert. Sie sind zunächst einmal immer Ausdruck der dem jeweiligen Verfasser eigenen Geschmackvorliebe. Ein Körpertrinker wird anders empfinden und entsprechend urteilen sowie werten als ein Eleganztrinker.

Zwar gibt es Gewächse, deren das Jahrhundert überstrahlender Kultstatus unumstritten ist. Dazu gehören Granden wie 1945 Mouton, 1921 Yquem, 1947 Cheval Blanc, 1921 Bernkastel Doctor, 1937 La Tache, 1945 Musigny. Das sind schon heute unumstössliche Monumente der Weinanalen, die jeder halbwegs gebildete Weinfreund herunterbeten kann, egal, ob er sie jemals getrunken oder gar in Hochform erlebt hat oder nicht. Aber eine Konzentration auf diese Kathedralen wäre zu einfach, ausserdem ungerecht gegenüber den vielen anderen Kreszenzen, die nicht weniger beeindruckend sind, doch im Schatten dieser populären Prominenz stehen - getreu dem Motto, wonach nicht immer Tatsachen, sondern oft genug veröffentlichte Meinungen über Tatsachen das Bewusstsein der Menschen bestimmen.

In diesem Sinne sind über den 45er Mouton ganze Doktorarbeiten geschrieben worden, wohingegen ein edelsüsser Vouvray, ein eigenwilliger Coulée de Serrant oder ein Möselchen mit seiner unnachahmlichen Grazie eher selten mit Hymnen bedacht werden. Selbstverständlich ist die Frage erlaubt, ob ein Sauvignon blanc - und sei es der Weltbeste - von Haus aus überhaupt über das nötige Format verfügt, die einen Platz in der Ruhmeshalle des Weins rechtfertigen. Die Rebsorte hat nicht die rassige Finesse eines Rieslings und nicht die souveräne Würde eines Chardonnays - und doch gibt es Momente bei Tisch, in denen ein Sauvignon von Manfred Tement so etwas wie Grandezza bekommt, zumindest als Essenspartner unübertrefflich ist.

Dagegen werden beim Grünen Veltliner keine langmächtigen Erklärungen mehr nötig sein. Selbst in den Staaten und sogar in Frankreich, dem Vaterland des vinologischen Chauvinismus, wird die Pracht dieses lange unter Gebühr gewerteten Weins inzwischen gewürdigt. Auch wenn nur schätzungsweise Null- kommaeins Prozent aller Veltliner das Diktum von der Grösse verdienen, so steht ausser Frage, dass Smaragde von Emmerich Knoll, F.X. Pichler und Franz Hirtzberger zu den Jahrhundert- weinen gehören. Gleiches gilt für die Rieslinge dieser Wachauer Spitzenwinzer, während diese Rebsorte in Deutschland, speziell an der Mosel und am Rhein, vor allem in der edelsüssen Version ihren Glorienschein erhält.

Ist der 1985er Sassicaia ein Jahrhundertwein? Ja, auch wenn angenommen werden darf, dass ein 1982er Pichon Comtesse de Lalande, lange und für viele immer noch ein Kultwein, selbst in seiner ätherischen gewordenen Art dem toskanischen Frucht- monster überlegen ist, was die Nuancierung der Aromen anbe- langt. An suggestiver Wirkung ist der Sassicaia innerhalb seiner Tavola-Klasse ein Ausnahmewein. Dies gilt in einigen Jahrgängen auch für den australischen Grange, den Unico von Vega Sicilia aus Spanien oder einen Traditionsbarolo aus wahrhaft grossem Jahr. Der 1961er Barbarsesco von Gaja vermittelt heute noch den ernsten, doch einmaligen Charme des Nebbiolo.

Der Château Palmer des Jahrgangs 1961 hat den Status einer Legende. Über 20 Jahre hindurch begeisterte er durch Liebreiz - wie später der 82er Comtesse. Gemessen an 1961 Latour oder 1982 Mouton verblassen freilich beide, Palmer wie Pichon. Ob es Jahrhundertweine sind, das ist eine sehr persönliche Ent- scheidung. Ein Wein, der schroff scheidet, ist der Clos de la Coulée de Serrant. Man hasst oder man liebt ihn. Seine Feinde, besser gesagt, diejenigen, die ihn nicht verstehen, schimpfen ihn garstig und launig. Gewiss. Aber seine Verehrer schätzen an ihm zu Recht Eigenschaften wie Kraft, Langlebigkeit, Nuancen- reichtum. Letzteres ist im Verein mit Ausdrucksstärke ein Mass- stab für Kunst.

Wie gesagt: Es gibt Weine, deren Grösse unanfechtbar ist, deren Aufnahme in eine Hall of Fame der grossen Gewächse zum Bildungsgut jedes Weinfexes gehört. Aber daneben spielen bei den Kriterien für die Kür einer Jahrhundertkreszenz ausser subjektiven Geschmacks- und Erfahrungskriterien auch die regionale Herkunft des Autors und nicht zuletzt sein biologisches Alter eine Rolle. Ein Amerikaner wird mehr kalifornische, ein Italiener mehr italienische Weine auflisten, ein Franzose kaum an einen Grünen Veltliner oder Riesling denken. Jüngere Weinfreunde werden gewiss anders urteilen als ältere, denen kein namhafter Wein fremd ist. Welches Urteil das richtige ist wird eh erst die Zeit zeigen.

Schliesslich gilt es zu berücksichtigen, dass jede Zeit ihre Moden hat. In der Gotik, wo alles himmelwärts streben musste und die Madonnen schmal gemeisselt waren, mit abfallenden Schultern nebst kleinen Brüstchen, hatte man die griechischen Statuen auf den Müll geworfen. Später dann, in der Renaissance, erlebte die Antike ihre Auferstehung - und die Frauen gaben sich üppiger. Im Rokoko war wiederum das Zierliche gefragt, sittlich hochge- schlossen trug man im Biedermeier, bubenhafte Grazie galt im Art deco als Dernier cri. In den 50er Jahren trumpften die Kurven- reichen auf, denen gertenschlanke Karottenköpfe folgten. Doch inzwischen darf Eva wieder Rundungen haben, dem Zeitgeist sei Dank.

Alles fliesst, sagt der Philosoph, und so ist es auch beim Wein. Besonders aktuell - zumindest in neureichen Kreisen -ist der vollmundige, den Gaumen mit warmwürzigen Aromen geradezu tapezierende Typus. Einem klassischen Médoc wie dem ernsten Château Latour muss man entgegen gehen, sich ihm öffnen, will man seine Nuancen erschmecken. Die Warmblüter à la Le Pin, Valandraud & Co überfluten einen wie die Vollschlanken aus Übersee. Bitte sehr: jeder nach seiner Facon, das macht das Weintrinken so spannend und - durch die Begegnung mit 1001 Aromen - immer wieder aufs Neue zum Abenteuer. Wichtig ist die Authenzität, ob es sich um einen seriösen Médoc, schwermütigen Barolo, sinnlichen Burgunder, opulenten Hermitage, distinguierten Riesling oder rosenduftigen Traminer handelt, der Charakter des Weins sollte reliefartig erkennbar sein. In der Gruppe der edelsüssen muss nicht zwingend Trockenbeerenauslese auf dem Etikett stehen, um zu entzücken. Die 1971er feinste Auslese vom Scharzhofberg an der Saar oder die 1999er Rüdesheimer Spätlese Goldkapsel von August Kesseler aus dem Rheingau vermitteln so viel Finesse, dass sie mit Fug und Recht Jahrhundertwein sein können. Sie zu trinken, das ist wie ein Glissando in D-Dur.

Es ist schon so, dass Gott in einem Wein sein darf. Und nach solchen Jahrhundertgewächsen ist man als Weinfreund wie ein Don Juan ständig auf der Pirsch, wobei das Schöne dran ist, dass man im Unterschied zu Don Juan, dem Jäger und Gejagten der Liebe, im grossen Wein auch jederzeit seine genussvolle Erfüllung findet.

von August F. Winkler
Der österreichische Journalist August F. Winkler zählt seit vielen Jahren zu den profiliertesten deutschsprachigen Weinautoren.



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