Italien

Kunst

Kultur

Lifestyle

Kulinarisches

Wein

Grappa

news defusco.ch
Marchesi Frescobaldi aus Florenz - Blaublütige Rotweine

Seit 30 Generationen im Weingeschäft und noch kein bisschen müde: Die Marchesi Frescobaldi aus Florenz

Die Medici sind für uns Neureiche. Wir besitzen einen älteren Stammbaum als sie.» Marchese Leonardo Frescobaldi sagt dies nicht ohne Selbstironie. Er sitzt nach dem Pranzo im Salon des familieneigenen Castello di Nipozzano und raucht seine Verdauungszigarette.

Die Frescobaldis können auf eine imposante Geschichte zurückblicken. Wie ein leuchtender Wollfaden in einer Tapisserie ist das Schicksal des adligen Hauses mit der Geschichte des toscanischen Weinhandels verwebt. Bereits im 14. Jahrhundert lieferte das Florentiner Geschlecht Weine an viele europäische Höfe. Heute führt Marchese Leonardo zusammen mit seinen Brüdern Vittorio und Ferdinando in der dreissigsten Generation an der Via S. Spirito 11 die Geschicke des Hauses Frescobaldi. Mit Lamberto Frescobaldi als technischem Verantwortlichen ist bereits die 31. Generation im Geschäft.

Vor dem Mittagessen zeigte Marchese Leonardo dem Gast die letzten Jahrgänge seiner besten Weine von Nipozzano und von Castello di Pomino - den reinen Sangiovese Montesodi und den Mormoreto aus Cabernet und Merlot sowie den Pomino Benefizio, eine Assemblage von mehrheitlich Chardonnay, Pinot bianco, Traminer und Riesling. Zum Gemüseflan, zur Pasta und zum Lamm wurden die Standardweine geöffnet: Pomino Bianco und Rosso sowie die Nipozzano Riserva, jene Gewächse, die in grosser Auflage zu einem reellen Preis verkauft werden.

Beide Güter - Castello di Nipozzano und Castello di Pomino - liegen im Hügelgebiet des Chianti Rufina östlich von Florenz. Die Landschaft ist rauer und schroffer als im lieblicheren Chianti Classico. Die Rebberge liegen vor allem in Pomino bis zu 700 Meter hoch, prädestiniert für den Anbau von weissen Rebsorten. Die Weine von Rufina wie von Pomino, das innerhalb des Rufina eine kleine Insel mit einer eigenen Herkunftsbezeichnung (DOC) bildet, geraten in der Regel frischer, aromatischer und eleganter, manchmal aber auch rustikaler als in den bekannten Anbaugegenden südlich von Florenz, Chianti Classico, Montepulciano und Montalcino.

Nach Montalcino, in die Heimat des Brunello, geht es am anderen Morgen. Der etwas spröde Charme des soignierten Herrn Frescobaldi weicht allmählich einer verhaltenen Herzlichkeit. Nie verliert er dabei die Contenance. Schliesslich fliesst in ihm adliges Blut. «Marchese wird man nicht, als Marchese kommt man bereits zur Welt», soll seine Schwägerin Bona mal den Gemütszustand der Familie charakterisiert haben.

Castel Giocondo liegt prachtvoll im Herzen des Brunello-Gebiets. Das Anwesen diente einst lokalen Honoratioren als Jagdschlösschen, kam nach deren Niedergang in Bankenbesitz. Frescobaldi pachtete es 1973, und 1989 wurde es auf Betreiben von Vittorio Frescobaldi, dem heutigen Firmenpräsidenten, gekauft.

Auf Castel Giocondo steht eine Vertikaldegustation an. Verkostet werden allerdings nicht die letzten Brunello-Jahrgänge, sondern zwei weniger traditionelle Weine: Lamaione und Luce. Lamaione ist ein reinsortiger Merlot von einem Weinberg, der bei Frescobaldis Pacht 1973 bereits existierte. Die Ernte wurde bis 1990 regelmässig verkauft. 1991 erkannte Nicolò d'Afflitto, der eben erst eine beratende Tätigkeit als Önologe angetreten hat, sein Potenzial. Fortan wurden die Trauben selber vinifiziert.

Luce, eine Cuvée aus Sangiovese und Merlot, ist kein reiner Frescobaldi-Wein. Er ist das Prestigeprodukt eines Joint Ventures mit Robert Mondavi. Beide Familien besitzen einen Anteil von 50 Prozent am Unternehmen. Mondavis stammen aus den italienischen Marken, leben in zweiter und dritter Generation in Kalifornien und erhoffen sich vom Projekt eine Art adligen Ritterschlag. Die Frescobaldis andererseits schätzen die Dollarspritze und spekulieren auf den Durchbruch im amerikanischen Markt.

Das Fazit der fünf Weinproben verblüfft: Ab Jahrgang 1997, vermehrt noch ab 1998 verzeichnen alle Weine einen signifikanten Qualitätsanstieg. Der Benifizio 1998, die beiden 1999er-Montesodi und -Mormoreto, Lamaione 1998 sowie Luce 1998 weisen Weltklasseniveau auf. Klar erinnern der Mormoreto an einen Médoc und der Lamaione an einen Pomerol. Und der Luce fällt in die Kategorie Weltwein. Montesodi und Benifizio stehen für die Authentizität des toscanischen Terroirs. Die beiden sich ans Bordelais anlehnenden Weinen zeugen davon, dass die Frescobaldis nicht auf den Modezug aufgesprungen sind - Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot hatten bereits ihre Vorfahren respektive ihre Vorpächter angepflanzt.

Der spannende Wettstreit mit dem Intimkonkurrenten Antinori

Was ist der Grund der Qualitätsverbesserung? Eine Schlüsselrolle spielen dabei die Rebberge. Frescobaldis gehören zu den grössten Weinbergsbesitzern Italiens. Rund 850 Hektar sind zurzeit in Ertrag, 1000 Hektar werden es in wenigen Jahren sein. Frescobaldi befindet sich in einem spannenden Wettstreit mit seinem Intimkonkurrenten Antinori, der in den letzten Jahren massiv in eigene Rebberge investiert hat.

Rund 600 Hektar haben die Frescobaldis jüngst erneuert. Neue Rebunterlagen, bessere Klone, eine grössere Stockdichte sowie ein verfeinertes Erziehungssystem führen zu vorzüglichen Trauben.

«Wir keltern schönere Trauben und handhaben die Kellertechnik flexibler.» Will heissen: sanftere Gärmethoden, je nach Terroir und Wein kürzere oder längere Gärzeiten, subtilerer Umgang mit dem Instrument Barrique.

Marchese Leonardo nickt zu d'Afflittos Ausführungen. Die besseren Weine erleichtern ihm sein Leben als oberster Verkaufsverantwortlicher. Als «anima commerciale» bezeichnen ihn die andern. Doch er denkt nicht bloss an die Zahlen. Er freut sich auch am gestiegenen Genussfaktor. Schliesslich gehen 700 Jahre Weinbau nicht spurlos an einem vorbei. Wie seine Brüder ist er im Innersten zwar nicht gerade Winzer, aber doch ein Krawattenwinzer geblieben. Intakt ist seine Beziehung zum Terroir seiner toscanischen Heimat - auch wenn er mit einer Rebschere nicht so gewandt umzugehen weiss wie mit den Börsenkursen.

Die schönsten Domänen der Marchesi de Frescobaldi

Neun Weingüter mit einer Rebbergfläche von 850 Hektar sind in Besitz der Marchesi de Frescobaldi. Alle befinden sich in der Toscana. Die höchstgelegene Domäne ist das Castello di Pomino, ein Refugium für weisse Sorten. Bester Wein ist der Pomino Benefizio, eine Cuvée aus 80% Chardonnay, 15% Pinot bianco sowie Traminer und Riesling. Der 1997er-Benifizio zeichnet sich durch ein würziges Bouquet mit Haselnuss-, Vanille- und Blumennoten aus; mittelgewichtig im Gaumen, mit einer reifen, saftigen Säure endet der Wein lang und auf viel Schmelz.

Unweit Pomino, im Herzen des Rufina-Gebiets, liegt das Castello di Nipozzano. Dessen majestätischster Wein ist der Montesodi, ein reinsortiges Sangiovese-Gewächs. Über ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis verfügt die Nipozzano Riserva aus Sangiovese plus etwas Cabernet Sauvignon und Merlot. Die Nipozzano Riserva 1997 muss vor dem Genuss unbedingt belüftet werden. Dann zeigt sie schöne Beeren-, Kirschen- und Veilchenaromen, viel Stoff, feines Tannin und eine elegante Länge.

Castel Giocondo befindet sich in Montalcino, dem Anbaugebiet des Brunello. Frescobaldi erzeugt dort seine Brunelli sowie den Luce, das teure Produkt eines Joint Ventures mit Robert Mondavi. Überraschendster Tropfen ist aber Lamaione, ein reinsortiger Merlot. Der Lamaione 1996 gefällt mit Röstaromen, Pflaumen-, Zwetschgen und Brombeerduft, samtigem Körper und einschmeichelndem Abgang. Im Herbst 2001 kommt der bisher beste Lamaione in Verkauf.

Autor: Martin Kilchmann - Sonntagszeitung



  • Abruzzen
  • Aostatal
  • Apulien
  • Basilikata
  • Emilia Romagna
  • Friaul
  • Kalabrien
  • Kampanien
  • Latium
  • Ligurien
  • Lombardei
  • Marken
  • Molise
  • Piemont
  • Sardinien
  • Sizilien
  • Toskana
  • Trentino
  • Umbrien
  • Venetien


  • Google
    Web defusco