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Romano Levi - Der lebende Grappa-Mythos aus Piemont

Wer in irgendeinem Restaurant oder Hotel auf der Welt einen echten Levi bestellt, wird entweder ein bescheidenes Achselzucken, begeisterte Euphorie oder einen stattlichen Preis erleben. Einen Levi bestellt man mit Bedacht.

Der Name zerfliesst wie das rauchzarte Aroma des Edelgrappas auf der Zunge und das Verlangen nach dem feinen Getränk steigert sich von einem andächtigen Schnüffeln zum genussvollen Nippen. Ein echter Levi hat zwischen 50 und 60 % Alkohol und manche nennen ihn deshalb auch reine Medizin. Eine Flasche kostet schon mal, je nach Etikett, bis zu 1000 DM. Genau da sind wir schon bei der exklusiven Besonderheit des italienischen Geheimtipps: das Etikett!

Unikate

Romano Levi hat irgendwann damit angefangen, seine Flaschenaufschriften aus Einsparungsgründen selbst zu schreiben und zu bemalen, das auch noch auf Papier, das ihm gerade in die Finger fällt. Seine Schwester reisst jedes einzelne Etikett von Hand aus und der Chef selbst zelebriert das Aufkleben in genau die Mitte der Flasche zwischen die Gussgrate selbst.

Diese Zeremonie macht aus jeder Flasche Grappa di Levi ein Unikat und dafür pilgern jährlich tausende Levi-Fans nach Piemont, wo der exzentrische Destillateur zurückgezogen lebt und arbeitet.

Auf unzähligen der selbst bemalten Etiketten verewigt er seine imaginäre Ehefrau, denn seine Schwester verhinderte schon immer eine Ehe mit seiner Freundin, die er Donna Salvatica nennt.

Blümchen, Bäume, Frauenkörper und Gesichter, Sterne, je nach Jahreszeit und Stimmung, prangen auf den abgerissenen Zettelunikaten, die ganze Sammlerschwärme weltweit ins Entzücken geraten lassen. Ein echtes Levi-Etikett kann unter Sammlern schon mal mehr Geld kosten als der Inhalt der Flasche. Dieser übrigens wird von Levi selbst verächtlich abgelehnt. Ich verstehe nicht, wie man so etwas trinken kann schmunzelt der spitzbübige Mann mit den Bartstoppeln und der schlecht sitzenden Brille. Levi trinkt seinen Brand in der Tat nicht selbst.

Familienbetrieb

Schon Romanos Vater eröffnete die kleine bescheidene Destillerie in den Nachkriegsjahren. Als Romano fünf Jahre alt war, starb sein Vater; seine Mutter kurz darauf bei einem Bombenangriff.

Seine Schwester leidet seit dieser Zeit unter starken Depressionen, beherrscht aber dennoch den Bruder samt Haushalt und Finanzen des Familienbetriebes. Im Hause Levi ist die Zeit stehengeblieben. Das alte Anwesen in der Hauptstrasse 91 in Neive gleicht einer Filmkulisse aus Highnoon, ein Blick in die Produktionsräume verwässert den Eindruck von zivilisierten Produktionsmethoden.

Ein Wasser-Alkohol-Dampf- Gemisch legt sich schwer auf die Lunge und man atmet mit jedem Zug die pure Tradition alter Grappa-Brennerzunft. Der Sudkessel wurde noch von Romanos Vater Serafino 1945 angeschaftt. Der spätere Juniorchef befand das Gerät stets für gut, darum wurde auch noch nichts geändert. Neben dem Kessel, dessen Feuer der eigenwillige Italiener immer nur alleine schüren darf, findet sich eine Kerbe in der Steinmauer. Das kommt von der Glutschaufel, die an genau dieser Stelle seit 40 Jahren abgestellt wird! Die getrocknete Maische dient als Feuermaterial und brennt wie Zunder.

Levi's Sicht der Dinge

Natürlich findet man hier keine Thermometer oder sonstige Anzeigeinstrumente. Levi weiss, wie heiss seine Anlage ist und er weiss, wann er nachfeuern muss. Hier im beschaulichen Dörfchen Neive brodelt der 70jährige nun schon seit Jahrzehnten den letzten auf offenem Feuer gebrannten Grappa der Welt- und sein eigenes Süppchen.

Romano Levi ist Exzentriker, Faktotum, Unikat und vor allem Italiener! Wer einen Grappa von mir kaufen will, muss zu mir kommen! Nach dieser Devise gibt es nun auch im zu Ende gehenden 20. Jahrhundert keinen Vertrieb für die Edelbrände aus Italien. In der Tat kommt jeder Kunde bei ihm persönlich vorbei.

Wenn man das unscheinbare Anwesen gegenüber vom Weingut Bruno Ciacosa gefunden hat, sucht man vergebens nach einem Namensschild. Kein Hinweis lässt den Hort des begehrten Wässerchens erahnen.

Fasst man sich ein Herz und begehrt mit der Klingel Einlass, öffnet Bruno, der gute Geist und langjährige Atlatus des Meisters die Pforte. Wer bis hierher gekommen ist, dem öffnet sich nun die Welt der Düfte und Essenzen, der blubbernden Wasser und brodelnden Dämpfe; hier tut sich ein Tor zum italienschen Grappa-Himmel auf, ein Erlebnis, das man nie vergessen wird!

Man bittet freundlich um eine Flasche Grappa. Wenn der Meister gut gestimmt ist, bekommt man eine - nur eine! Mehr gibt es pro Person oder Gruppe nicht - nie! Der Levi bleibt somit allemal rar. Einst begehrte der italienische Staatspräsident 12 Flaschen Grappa aus dem Hause Levi. Der Fahrer des Präsidenten war avisiert diese abzuholen, was Romano nicht beeindruckte. Er wurde mit zwei Flaschen nach Hause geschickt nix gibt’s! Eine Flasche wie alle anderen auch - und dann legte er noch eine drauf.

Seine Arte zu Leben

So ist er, der Exot unter den Brennern, der einsame Italiener in seiner kleinen eigenen Welt, beseelt von seiner Philosophie, ohne Arroganz, ohne Allüren, einfach nur eigenwillig.

Trubel und Öffentlichkeit scheut der alte Mann aus Neive. Ich sammle Hände - Hände, die ich schon geschüttelt habe, sinniert er über seine Vita, die weiss-Gott tausend Seiten füllen könnte. Zurückgezogen und einsam, alleine mit seiner Schwester, die er pflegt, lebt er ein Dasein in freiwilliger Askese - natürlich nicht ohne Satellitenschüssel und Telefon, aber frei von grossen Besitztümern, verwaltet er sein Geld unter'm Kopfkissen, denn eine Bankverbindung gibt's bei den Levis nicht.

Der Naturfreund Levi hatte einst den Weg einer Ameisenkolonie durch seinen Garten mit einem Schild Vorsicht Ameisenstrasse vor den Schuhsohlen seiner zahlreichen Gäste und Kunden gerettet.

Er unterhält sich gerne mit seinem Karpfen im Gartenteich in lauen Abendstunden, wenn sich die Nacht langsam über Piemont senkt und sich der Dampf der Tagesarbeit verzieht, wenn die versiegenden dunklen Rauchschwaden aus seinem Kamin den Feierabend verkünden.

Seine Erfüllung

Sein Tag dauert in den Brandmonaten zur Weinlesezeit von Oktober bis März, von morgens 5 Uhr bis mindestens 22 Uhr. Der nimmermüde Mann muss nicht mehr arbeiten, aber es ist sein Leben, seine Erfüllung, dem Erguss aus Feuer und Wein seinen vitalisierenden Atem einzuhauchen, denn er ist leibhaftiger Mythos, beseelte Legende, zeitlose Oase der Ruhe und Gelassenheit inmitten der zivilisierten Welt in Stress und Hektik.

Levi wollte gerne einmal eine Reise machen, aber die Pflege seiner Schwester hat das stets verhindert. Gerne hört er interessanten Menschen zu, die von der Welt vor seiner Tür erzählen. Levi ist in Neive eine Institution. Manchmal belächelt, auch bedauert, beneidet und bewundert, ist er die unumstrittene Nummer eins im Dorf. Eine langjährige Männerfreundschaft zum Stein- und Schindelkünstler Alessandro Lupano, lässt den Sonderling den Alltag vergessen. Wenn sich die beiden treffen, gibt’s zwar keinen Grappa, aber viel zu erzählen, impulsiv und lebendig-italienisch halt...

Die Schaltzentrale

Sein Büro ist die Schaltzentrale der Firma, d. h. eher Dreh- und Angelpunkt, denn die Arbeit im Hause Levi hat weder etwas mit schalten, noch mit Wirtschaftlichkeit zu tun. Hunderte von Visitenkarten bedecken die gelbbraune Wand, die teilweise nur durch dicke Spinnweben daran gehindert wird, sich vom Putz zu lösen.

An den Fenstern erkennt man die Wetterlage der vergangenen Jahre und die vielfältigen Schichten der Papier-Korrespondenzen, Blätter, Briefe, Zettel und Schriftstücke, und Anfragen auf dem Schreibtisch sind schwerer erforschbar als die Schichten jungsteinzeitlicher Ausgrabungsorte.

Auf allem liegt, wenn nicht überall der Staub, so doch der Muff alter Tage. Er hüllt das ganze Ambiente in einen liebenswerten Flair grenzenloser Freiheit. Levi ist frei von allen Zwängen, frei von Raum und Zeit, liebt sein Leben und das knisternde Feuer unter dem Ofen, das seinem geistreichen Wasser den unverwechselbaren Nimbus des Unvergleichlichen gibt und das ein Feuer in seinen Augen zündet, welches man in seinem Grappa zu schmecken vermag.

Levis Brände sind nicht die besten Grappas, keinesfalls die reinsten und schon gar nicht die zartesten, aber sie sind eingehüllt in eine Wolke aus Phantasie, Mythos und Sehnsucht nach der Erfüllung mancher Träume von einer anderen Welt, in der der Grappa den Tagestakt bestimmt und nicht die Quarzuhr, eine Welt voller tresterseeliger Laune inmitten eines der schönsten Fleckchen Italiens.

Es lebe die Legende ... es lebe Romano Levi!

Ein Mannheimer Fotograf hat sich vor einiger Zeit zur Aufgabe gemacht, den Mythos Levi zumindest fotografisch umzusetzen. Reinhard Hund, einst Pressefotograf, heute erfahrener Kameramann für zahlreiche Sender sinnierte bei einem Gläschen Grappa mit Giovanni Scurti über die Herstellung solcher begehrten Brände. An diesem Abend wurde die Idee geboren, den einzigartigen Levi genauer unter die Lupe, bzw. das Objektiv von Hunds Nikon zu nehmen.

In nur drei Tagen entstand das Material zu einem einzigartigen Bildband über die Legende Levi, ein Buch über den Mensch, den Grappa und die Landschaft Piemont, ein Werk zum Schmökern, Anregen und Verschenken.

Hund ist es gelungen, auf 130 kurzweiligen Seiten mit Bildern, eine Geschichte zu erzählen. Levi öffnete sich und seine Werkstatt den neugierigen Blicken seiner Kamera und offenbarte tiefe Einblicke in einen seltsamen und darum auch so mit Legenden umrankten Menschen.

Ob beim Feuer schüren oder beim Etiketten schreiben, beim Abfüllen oder beim Plaudern mit dem Nachbarn, nichts blieb Hund verborgen und so konnte er in kurzer Zeit zahlreiche Schwarzweiss-Filme belichten und aus den 65 schönsten und eindrucksvollsten Bildern ein Buch zusammenstellen.

Beim Durchblättern packt einen die Lust, an einem Levi zu nippen, man riecht den alkoholgetränkten Dampf der Destillerie, man spürt die Wärme des Feuers und hört das Brodeln des Sud. Lebendiger kann man Levi nicht abbilden, nicht schöner und nicht ehrlicher. Levi ist skurril, Hunds Bilder manchmal auch, aber sie werden dem Geist des Herren der Geister gerecht.

Mehr als eine Dokumentation

Durch die Arbeit mit Levi und eine inzwischen enge Verbundenheit der beiden Künstler, kann Reinhard Hund heute viel erzählen. Zahlreiche Bücher könnte er inzwischen füllen, über Levi, Piemont und die Verbindung in eine andere Welt.

Seine Bilder sind nicht nur Dokumentation einer unkonventionellen Herstellungsart eines Edelgrappas, sie sind vielmehr die philosophische Auseinandersetzung mit der Inspiration Levis. Sie sind eine Liebeserklärung und Verneigung an die konsequent eigenwillige Weltanschauung und Lebensart eines einzigartigen Menschen, der ein Zeug produziert, von dem er selbst nichts anrühren würde.

Grappa Brenner Romano Levi, Künstler-Legende ist erhältlich bei Reinhard Hund, Zähringer Strasse 165 in 68239 Mannheim und kostet 78,- DM. Ein Buch zum Selberlesen und Verschenken!

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