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Nasdarowje! - Im Wodka spiegelt sich Russlands Geschichte

Seit vielen Jahrhunderten ist Wodka untrennbar mit russischer Kultur verbunden. Das macht ein neues Wodka-Museum in Sankt Petersburg anschaulich. Historiker rätseln, weshalb jeder Russe im Jahr durchschnittlich 180 Flaschen Wodka trinkt und Zehntausende daran sterben.

Als die Truppen Iwan des Schrecklichen zur entscheidenden Schlacht vorrückten, war der russische Zar auf der Hut. Erst nachdem die Soldaten am 2. Oktober 1552 Kasan, die Hauptstadt des Tatarenreiches, eingenommen hatten, gab er die Wodkafässer frei. Auf den gloriosen Sieg folgte ein ebenso ruhmreiches dreitägiges Besäufnis.

Iwan hatte Grund zur Vorsicht: Längst nicht immer hielten sich des Zaren Männer an den Grundsatz, erst nach getaner Arbeit an die Fässer zu gehen. 1377 zum Beispiel. Da beschlossen die Russen, im Glauben, dass der Tatarenfürst Arapscha noch weit entfernt sei, sich vor der Schlacht ein wenig zu erholen: mit Bier, Honig- und Getreidewein. Die Tataren umzingelten die ihnen zahlenmässig weit überlegene, doch stockbetrunkene russische Streitmacht in aller Stille. Dann begann das Gemetzel, bei dem, wie ein russischer Chronist festhielt, «viele Krieger und Fürsten starben». Wer überlebte, wurde von den Tataren in den nahen Fluss getrieben, seither als Reka Pjannaja, «Betrunkener Fluss», bekannt.

Lange wurde der Schandfleck von 1377 schamhaft verschwiegen. Damit ist nun Schluss: Im neu eröffneten Museum für russischen Wodka in Sankt Petersburg können Russen und Ausländer mit Hilfe von Dokumenten und Plakaten dem Nachbau einer mittelalterlichen Wodkadestillerie und allerlei Kuriosa in Flaschenform der Rolle des Wodkas nachspüren. Die ist kaum zu überschätzen, glaubt Sergej Tschenzow, einer der Gründer des Museums an Petersburgs Konnogwardeiski-Boulevard.

Wärmendes Wässerchen

«Die gesamte Geschichte russischer Kultur ist untrennbar mit Wodka verbunden, und das von Anfang an», sagt Tschenzow. Schon der Kiewer Grossfürst Wladimir habe 988 unter anderem deswegen die christliche Religion und nicht etwa den Islam angenommen, weil, so Wladimir, «Trinken die Freude (unseres Reiches) ist, und wir nicht ohne es auskommen können». Eine bis heute gültige Erkenntnis.

Peinlichen Niederlagen zum Trotz «haben wir Russen mit Hilfe des Wodkas grosse Siege errungen», beteuert Tschenzow. Eine eigene Vitrine mit patriotischen Plakaten und Trinkflaschen aus dem Zweiten Weltkrieg etwa legt nahe, dass die sowjetischen Truppen ohne ihr geliebtes Wässerchen (= Wodka) kaum den Weg nach Berlin geschafft hätten.

Tschenzow, einem 32 Jahre alten Sprachwissenschaftler, Geschichtsliebhaber und heutigen Immobilienhändler, kam die Idee zu dem Museum, als er mit seinem Kompagnon Roman Schewjakow ein Glas Wodka auf das Gelingen einer Geschäftsreise herunterstürzte. «Russland ist ein riesiges, kaltes Land. Wodka hat uns Russen nicht nur immer gewärmt, sondern auch zu einem Volk vereint.» In der Tat. Ob der Kauf des ersten Autos oder der Freikauf der Braut bei den Schwiegereltern am Hochzeitsmorgen: Von Moskau bis Wladiwostok sind in diesen und anderen Lebenslagen mindestens 100 Gramm Wodka fällig. Soldaten und Studenten legen ihre Orden beziehungsweise Diplomnadeln in ein Wasserglas - und füllen es mit Wodka auf.

Mythische Eigenschaften

Viele Russen schreiben Wodka geradezu mythische Eigenschaften zu: Das Wässerchen, pur oder im Zusammenspiel mit Honig oder Kräutern, besiege Erkältungen, aber auch ernstere Krankheiten. Selbst sowjetische Atomwissenschaftler sollen sich mit ausreichend Wodka gegen Strahlenschäden gewappnet gefühlt haben.

Die orgiastische Konsequenz im Reiche des Zaren freilich verwunderte schon vor Jahrhunderten ausländische Besucher. Die Russen seien «grosse Trinker und sind sehr stolz darauf», meldete der venezianische Botschafter Contarini 1476 aus dem Moskau Iwans des Grossen. Ab Mittag seien die Russen zu nichts mehr zu gebrauchen. Auch Iwan selbst betrank sich so, dass er bei offiziellen Banketten einschlief.

Nachdem Moskauer Mönche Ende des 14. Jahrhunderts erfolgreich die von ihren französischen und italienischen Kollegen erfundene Destillation klarer Schnäpse kopiert hatten, zog der Kreml Produktion und Verkauf schnell an sich. In jeder Stadt, später in jedem Dorf des Zarenreiches durften Bauern und Bürger, Arbeiter und Kaufleute ihr sauer verdientes Geld zum Nutzen der Staatskasse vertrinken. War kein Rubel mehr im Beutel, nahmen die Wirte auch Kleider oder Nachthemden an, so dass viele Betrunkene «so nackt, wie sie zur Welt gekommen waren, wieder nach Hause wankten», beschrieb es Adam Olearius, im 17. Jahrhundert Diplomat an der Holsteinischen Gesandtschaft in Moskau.

Unter den Tisch und ins Grab

Vor allem russische Männer trinken Mitstreiter anderer Nationen seit einem Jahrtausend konsequent unter den Tisch und sich selbst ins Grab. Im Durchschnitt schicken Russen 180 Flaschen Wodka im Jahr durch die Gurgel und sterben zu Zehntausenden an Leberversagen. Warum das so ist, bereitet Historikern Kopfzerbrechen. Möglicherweise ist das russische Klima der Grund für das Kampftrinken vor allem an Feiertagen, mutmasst der englische Historiker Geoffrey Hosking.

Vielleicht aber auch, so Hosking in einer neuen Geschichte Russlands, «half orgiastisches Trinken, einer öden, monotonen Existenz zu entfliehen». Zudem hänge Trinken wohl mit dem Glauben russischer Männer zusammen, dass «lange Trinkzüge von Schnaps helfen, ein Band zwischen erwachsenen Männern zu formen - was auch immer ihre Frauen oder Kinder darüber denken». Tatsächlich ist die Aufforderung russischer Männer, sich gemeinsam «ein bisschen zu erholen», auch heute noch gleichbedeutend mit einem anständigen Besäufnis, gemeinsame Seitensprünge nicht ausgeschlossen.

Von Florian Hassel, Sankt Petersburg
Basler Zeitung BaZ




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