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Abruzzen - Gran-Sasso-Nationalpark

Ein Drittel der italienischen Provinz der Abruzzen steht unter Naturschutz. Hier - zwischen Rom und Pescara - erheben sich die höchsten Gipfel des Apennins. Weiter unten dehnen sich urtümliche Buchenwälder, in denen noch etwa 80 Bären leben. Die Abruzzen sind Wildtierregion und gleichzeitig faszinierende Kulturlandschaft mit Burgen, Einsiedlerklausen und Bergdörfern inmitten violett blühender Safranfelder.

Kurz vor dem Dorf Civitella Alfedena sitzt mitten auf der Strasse ein Fuchs. Am heiterhellen Vormittag. Später, auf dem Bergpfad hinauf ins Valle di Rosa, sind die Gämsen fast ebenso zutraulich. Man wandert durch die kühlen Buchenwälder, erreicht die Alpweiden und sucht mit dem Feldstecher die Felswände ab, die sich über dem Tal türmen. Hoch oben sichten wir die erste Kletterkünstlerin. Es geht weiter bergauf, und schon kommt die nächste Gämse in Sicht. Sie quert einen Grashang und ist nah genug, dass man durch den Feldstecher die Zeichnung ihres Fells bewundern und jede ihrer Bewegungen mitverfolgen kann. Der Pfad führt jetzt durch Geröll und über Sulzschneefelder. Hier liegen wieder drei Gämsen. Bis auf zwanzig Meter kommen wir heran! Erst dann fliehen sie.

Die Abruzzen-Gämse, die so zutraulich scheint, war bis vor wenigen Jahren vom Aussterben bedroht. Die Art kommt nur in Italien und nur in den Abruzzen vor, diesem Teil des Apennins mit den höchsten, knapp 3000 Meter hohen Bergen. Pescara und Rom sind je etwa 100 Kilometer entfernt.

Die Hauptrolle im Abruzzen-Nationalpark spielt allerdings nicht die Gämse, sondern der viel scheuere Braunbär. Kaum ein Tourist bekommt je eines der schätzungsweise 80 Tiere zu Gesicht, die im Park und seiner Umgebung leben. Am ehesten habe man gegen den Herbst hin Glück, sagt der Berner Wildbiologe Simon Capt, der schon mehrmals in den Abruzzen war. «Ab August sind die Bären gern hinter den Heidelbeeren her und manchmal stundenlang in den Hängen am Futtern.» Oft graben die bis zu 200 Kilo schweren Tiere, die hauptsächlich von winzigen Dingen leben, auch nach Krokuszwiebeln oder Engerlingen. Zu diesem Zweck wälzen sie schwere Steine zur Seite. Solche «ausgehebelten» Brocken finden aufmerksame Wanderer manchmal am Wegrand.

Einer der ersten Nationalparks

Der Abruzzen-Nationalpark wurde 1923 als einer der ersten Nationalparks Europas gegründet - über die Köpfe der damals mausarmen Bevölkerung hinweg. Erst seit den siebziger Jahren erhalten die Bauern und Hirten eine Entschädigung, wenn sich Bären oder Wildschweine an ihren Feldern vergreifen oder Wölfe an ihren Schafen. Seither hat sich das Verhältnis zwischen Einheimischen und Wildtieren entspannt - auch weil die Tiere zum Besuchermagnet geworden sind und Verdienstmöglichkeiten in die Bergdörfer gebracht haben. Fast ein bisschen argwöhnisch verfolgen die Bewohner des ältesten Nationalparks der Region heute die Entwicklung in den neu hinzugekommenen, 1995 gegründeten Parks Gran Sasso, Maiella und Sirente. Erst langsam wächst die Erkenntnis, dass sich auch damit werben lässt: 30 Prozent der gut 10 000 Quadratkilometer umfassenden Provinz der Abruzzen stehen heute unter Naturschutz, was in ganz Mittel- und Südeuropa einmalig ist. Velofahrer, Trekkerinnen, Kulturtouristen, kulinarisch Interessierte, Alpinistinnen und Liebhaber langer, einsamer Skitouren: Sie alle kommen hierher.

Ein brutaler König

Natürlich ist auch die Kombination von Bade- und Bergferien attraktiv. Von den Sandstränden Pescaras, wo sich wie eh und je Sonnenschirm an Sonnenschirm reiht, lässt sichs mit dem Auto in zwei Stunden hochfahren zur Maielletta, einem 2000 m ü. M. gelegenen Aussichtspunkt im Nationalpark der Maiella. Von hier aus, wo Berlusconis Antennentürme die Alpwiesen verschandeln, entführt uns der Abruzzenkenner Bruno Brancadoro in eine andere Welt. Die Zeitreise beginnt mit einer Kriechtour unter den Stämmen unzähliger Legföhren hindurch. Wie sich das Dickicht lichtet, sehen wir links und rechts der Krete die bewaldeten Hügelwellen abfallen, auf der einen Seite bis hinunter zum Mittelmeer. Die Felsplatte, auf der wir stehen, heisst Tavola di Briganti. Es ist eine jahrhundertealte Gedenkstätte der Schafhirten und vielleicht auch der Wegelagerer, die einst den Reisenden mit ihren Maultieren aufgelauert haben, die von der Adria über die Bergpfade der Abruzzen Richtung Rom zogen. Namen, Geburtsorte, Kreuze und Sterbedaten sind in den hellen Fels gemeisselt, einmal auch ein ganzer Satz: «Das Reich von Vittorio Emmanuele ist das Reich des Elends.» Vittorio Emmanuele regierte Italien bis 1878 und beanspruchte grosse Teile des heutigen Abruzzen-Nationalparks als privates Jagdrevier. Seinen Untertanen, die beim Wildern erwischt wurden, liess er eine Hand abhacken. Diese brutale Praxis hat den letzten Bären des Apennins vermutlich das Leben gerettet...

Settembre, andiamo

Bruno zeigt uns auch die aus Steinen aufgeschichteten Behausungen der Hirten, die mit ihren Schafen auf den Alpweiden der Abruzzen den Sommer verbrachten, bevor sie im September 200 Kilometer weiter südlich zogen und ihre Herden während des Winters im milden Apulien grasen liessen. Fast 3000 Jahre lang prägte die Transhumanza, die Wechselweidewirtschaft, das Leben in den Abruzzen. Gabriele d'Annunzio, der Dichter aus Pescara, hat darüber das schöne Gedicht «I pastori» geschrieben, das so beginnt:

Settembre, andiamo. é tempo di migrare.
Ora in terra d'Abruzzi i miei pastori lascian gli stazzi e vanno verso il mare:
scendono all'Adriatico selvaggio che verde è come i pascoli dei monti.


Die Klausen der Eremiten

Nur die Eremiti, die frommen Einsiedler, hielten es in den höheren Lagen der Maiella das ganze Jahr aus. Ihre Klausen sind heute beliebte Ausflugsziele. Da wandeln wir auf den alten, von Steinmäuerchen gesäumten Wegen, an Heuwiesen, Heckenröschen und schwer duftenden Ginsterbüschen vorbei, steigen in Stein gehauene Treppen hinauf und hinunter, biegen um eine Felsnase und stehen plötzlich vor dem freskengeschmückten Eingang einer bewohnbar gemachten Höhle, die zwischen Himmel und Erde klebt. Tief unten rauscht ein Bach durch die Schlucht. Es ist gar nicht so einfach, diese Heiligenklausen zu finden. Man begegnet auf den Bergwegen oft schwitzenden Pilgern, die sich verirrt haben, oder man verirrt sich selber. Es ist im Parco della Maiella überhaupt vieles noch so, dass man das Gefühl hat, auf einer Entdeckungsreise zu sein, was im etablierteren Parco d'Abruzzo nicht mehr der Fall ist - hier sind die Wege gut beschriftet und in jedem Dorflädeli Kodak-Filme erhältlich.

Der schönste Park: Gran Sasso

Der schönste Park ist aber der von Gran Sasso. Hier erhebt sich der 2912 Meter hohe Corno Grande, der höchste Berg des Apennins mit dem südlichsten Gletscher Europas. Was die mediterrane Gebirgslandschaft an Natur und Kultur zu bieten hat, lässt sich am eindrücklichsten auf einer mehrtägigen Trekkingtour erleben. Es ist in diesem Nationalpark offiziell erlaubt, dort, wo man abends gerade ankommt, das Zelt aufzustellen. Einzige Regel: es muss am Morgen wieder zusammengepackt werden. Zu den Dörfern, die einen Besuch wert sind, gehört Castelli am Fusse des Monte Camicia, seit Jahrhunderten für seine Keramik berühmt. Das Bergdorf besitzt ein Keramik-Museum, eine Keramik-Schule, viele Keramik-Läden und die Chiesa San Donato, deren Decke mit 800 Keramik-Tafeln geschmückt ist. Navelli, ein anderes Dorf, lebt vom Safran-Anbau. Auch Käse und Würste werden in den Abruzzen fabriziert und in den höheren Lagen werden Linsen, in den tieferen Weinreben, Mandel- und Olivenbäume angepflanzt. Dies alles bereichert die Küche der Dorfbeizen ausserordentlich.

Jede Trekking-Tour in Gran Sasso führt auch zum Campo Imperatore, einem riesigen Weidegebiet auf knapp 2000 m ü. M. Die Einheimischen nennen es «il piccolo Tibet». Am späten Nachmittag lassen die schräg einfallenden Sonnenstrahlen die unendlich weite Ebene olivgrün aufleuchten. Später färbt sich der Himmel rosa, dann violett. Spätestens jetzt, wo am Himmel die ersten Sterne aufblinken und es ganz, ganz still geworden ist, möchte man um nichts in der Welt mit den Tagesausflüglern tauschen, die längst zurückgefahren sind, hinunter in die Touristenorte an der Adria.

Von Margrit de Lainsecq
Basler Zeitung BaZ




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