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Vom Geist des Weines

Panta rei (alles fliesst), sagt Luciano de Crescenzo über das Wesen seiner italienischen Landsleute. Natürlich meint er damit auch den Wein. Eine fürwahr erfreuliche Erkenntnis, welche die Beschränkung der folgenden Überlegungen allein auf italienische Weine weniger bedenklich erscheinen lässt. Andererseits ist solch eine Begrenzung mehr als notwendig, denn in keinem anderen Land ist die Geschichte seit Urzeiten derart vom Wein durchtränkt. Nicht nur Landwirtschaft, Politik, Gastronomie und Diäthetik sind vom Wein geprägt, sondern auch die Kultur: vom Brauchtum bis zur Ethik, von der Literatur bis zur Musik. Denn die Italiener sehen im Wein nicht nur seinen materiellen Aspekt. In den unergründlichen, geheimnisvollen Verquickungen seiner Geschichte vermittelt er in ihren Augen zwischen dem Irdischen und dem Ewigen, zwischen der Physik und der Theologie. Vino gleich ambrosia gleich nettare: Seine unverderbliche Vitalität und seine überschwengliche Kraft wurden stets von den Italienern gesucht und genossen.

Beim Wein zeigen sich die Italiener als aufrichtige Verehrer des Aristoteles, indem sie seine qualitative Wesensform als die Grundstruktur seiner materiellen Wirklichkeit ansehen. Güte soll stets vor Menge gehen. Auf Produktionsmaximierung orientierte Winzer werden als Banausen, Panscher gar als Häretiker betrachtet. Daneben dämpft der Wein den notorischen Individualismus der Italiener. Stets erscheint der Wein in Kontexten, in denen Alleinsein durch Zusammensein ersetzt wird. Ein Italiener, der allein trinkt, leidet, und zwar in jeder Hinsicht. Bei kollektiven Ritualen fungiert der Wein als Instrument einer religiösen und profanen Liturgie. Unzählige Gedächtnisriten - religiöse Feierlichkeiten, geschäftliche Abschlüsse, Familienfeste - werden mit Wein vollzogen und begossen. Der Aperitiv, das gemeinsame Anstossen, das Trinken zur Mahlzeit und der Abschiedstrunk markieren die einzelnen Phasen der convivialità. So verwandelt ein Glas Wein das profane Moment der Gesellschaft, das sich in individuellem Nützlichkeitsdenken, im Streben nach materiellem Vorteil oder in der Hektik des Alltags äussert, in das sakrale Moment einer Gemeinschaft, die Werten wie Freizügigkeit, Spontaneität, Gedenken und Beschenken huldigt.

Obwohl der Wein als Träger materieller und ideeller Werte gepriesen wird, ist er zugleich seit jeher auch Gegenstand herber Kritik: Den Italienern gilt er gleichermassen als Verderber von Starken und Schwachen, er ist Stimulans wie Hemmnis von intellektueller Klarheit und Willenskraft. Der Wein wird als Gut und als Übel, als Bruder und Feind, als Lebensbegleiter und als Todesbote betrachtet. Demnach scheint die besondere Aura, die den Wein umgibt, in seinem Paradoxon zu liegen, in der Widersprüchlichkeit, die ihm innewohnt.

Eine Art kartesianischer Dualismus zwischen Geist und Materie scheint aufzuflackern, sobald man versucht, den Wein in der Komplexität seiner historischen Manifestation zu erfassen. Kann man den Wein als Kulturgut überhaupt phänomenologisch beschreiben? Offenbar ist der Wein kein lineares Sujet. Er will in der ganzen Komplexität seiner räumlichen Verbreitung, seiner funktionalen Vielfalt und seiner Verwurzelung in der Geschichte des Landes erfasst werden. Diesem Ziel sind die folgenden Seiten gewidmet.

Die Heraldik des Weins

Die dominanten Bedeutungsmerkmale der italienischen Weinkultur sind widersprüchlich. Den Italienern offenbart sich der Wein immer in dialektischem Zusammenhang. Seine im Verlauf der Geschichte bald spaltende, bald verbindende Kraft wurde von Päpsten und Mönchen, von Königen und Untertanen, von Heerführern und Landsknechten, von Politikern und Redlichen, von Dichtern und Schreiberlingen gleichermassen geschätzt. Zahlreiche künstlerische Erzeugnisse haben in der Tat ihren Ursprung im Wein. Seiner Wirkung bewusst, funkelt er zunächst rötlich oder weisslich im Glas, um dann allmählich in seine künstlerische Ausformung zu fliessen. So hat es den Anschein, als ob der Wein fähig sei, eine Art multimedialer Transsubstantation zu vollziehen.

Der Begriff der Wandlung verweist sogleich auf den Bereich des Religiösen. Hier ist der Wein seit Jahrtausenden unerlässlicher Bestandteil des Messopfers. Zugleich ist er aber auch im profanen klerikalen Bereich stark präsent, da im Laufe der Jahrhunderte sowohl hohe Prälaten als auch einfache Mönche zu Kennern, Mäzenen und Stiftern des Weines wurden. Besonders am Herzen lag den Geistlichen die immerwährende Sorge um ausreichenden Nachschub. Am 17. Juni 1614, im Monat des endgültigen Um- bzw. Abfüllens des Weines, verkündete Papst Paul V. im Rituale Romanum fünf therapeutisch differenzierte benedictiones vini.Ebenso fortschrittlich war sein Vorgänger Paul III., der sich durch seine soziale Ader auszeichnete. Dank der Schaffung einer regelrechten ABM-Stelle wurde sein treuer Diener Lancerio zum Sommelier mit besonderen Aufgaben ernannt: Ihm oblag die beneidenswerte Pflicht, für jede Stunde des Tages einen passenden Wein zu empfehlen. Auch Sixtus X. war bei seinem Arzt Andrea Bacci in guten Händen, welcher speziell den ligurischen Winzern geradezu magische Kräfte zusprach: Diese könnten sogar Steine zum Blühen bringen. Exzellente Weine wie der Campochiesa oder der Cinqueterre bewahren auch heute noch den Ruf der bereits bei Boccaccio erwähnten kostbaren kirchlichen Pfründe in Ligurien.

Die niederen Kleriker gelten in der italienischen Weinkultur seit jeher als fachkundige und gewissenhafte Kellermeister. Im Trentino wird den Mönchen vor allem als Hütern jener Südtiroler Weingärten, in denen noch liebevoll der echte Kalterer See angebaut wird, tiefste Verehrung zuteil. Eine devote Haltung lässt sich im Trentino auch in profanen Weinpinten beobachten, wo der samtig rote Teroldego tunlichst leise geschlürft wird. Lévy-Bruhl würde darin sofort die rollenbezogene Imitation der Konzilsväter wiedererkennen, die von 1545 bis 1563 in der tridentinischen Hauptstadt tagten und dabei vornehmlich Teroldego in beachtlichen Mengen verkosteten. Wie von manch anderem blieben die Protestanten auch von diesem Genuss ausgeschlossen. Die Folgen sind hinlänglich bekannt.

Die Beziehung des Menschen zu Gott ist stets auch mit dem Gebot der Reinlichkeit verbunden. Davon zeugen die kunstvollen aquasantiere [Weihwasserbecken] der italienischen Kirchen, die Gelegenheit zu einer symbolischen Reinigung bieten. Ob Papst Gregor XIV. als überzeugter Gegenreformator zur täglichen Reinigung ein wirksameres Mittel als Wasser brauchte, ist nicht bezeugt; fest steht aber, dass er testamentarisch verfügte, seinen Leichnam vor der Bestattung mit Orvieto-Wein zu waschen.

Angesichts dieses religiösen Glaubens an die Kräfte des Weines erstaunt es nicht, dass in Italien selbst die geographische Orientierung im Zeichen des Weines erfolgt. In Venetien erklären Einheimische den Weg zu einem gesuchten Ort anhand markant gelegener Wirtshäuser und nicht etwa durch Hinweise auf Wegmarkierungen oder gar offizielle Beschilderungen. Ebenfalls prägend für die Toponomastik waren im alten Venedig die malvasie, heute bácari genannten Schankstätten, deren Erhaltung eigentlich Aufgabe der Unesco wäre und in denen zumeist weisser Prosecco oder aber roter Cabernet gesüffelt wird. Als weiteres Zeichen der "praktischen Toleranz" der venezianischen Republik hatten im 18. Jahrhundert viele malvasie keine Türen, weshalb sie, zur Freude aller, nie schliessen konnten.

Zur Geschichte des folgenden Jahrhunderts gehört der kluge Einfall eines gewissen John Woodhouse. Mit seiner in der sizilianischen Hafenstadt Marsala kreierten Mischung aus fünf Jahre gelagertem Weisswein, dem passito, dem Saft von getrockneten Trauben und etwas Brandy gelang ihm bald die Eroberung des britischen und skandinavischen Marktes. Legendär wurde eine Lieferung von fünfhundert Fässern Marsala-Weins an die Flotte von Admiral Nelson. Wenige aber wissen, dass am 11. Mai 1860 britische Kriegsschiffe vor Marsala kreuzten: zum Schutz der dort lagernden Bestände der Woodhouse Company, aber auch, um die (bösen) Bourbonen daran zu hindern, auf die (lieben) Garibaldiner zu schiessen, bevor diese ungestört gelandet waren. Bei der anschliessenden Verbrüderung zwischen Angreifern und Verteidigern - denn nie hat es in der italienischen Geschichte echte Sieger und echte Verlierer gegeben - dürften der helle Mamertino oder der kräftig rote Faro reichlich geflossen sein.

Zur Geschichte des Weines gehört freilich auch die Schaffung einer ganz eigenen Ikonographie. In diesem Zusammenhang können die Piemonteser ihre geheime Vorliebe für die Monarchie nicht verleugnen. Anders als die streitsüchtigen Toskaner, die sich mit einem schwarzen Hahn identifizieren, zieren die Piemonteser ihren aristokratischen Barolo mit einem goldenen Löwen, der sich auf blauem Feld bäumt, ein historischer Turm ragt auf dem Etikett des eher volksnahen Barbaresco.

Von der Heilkraft des Weines

Bei der allmählichen Entwicklung Italiens vom Königreich zur Republik wussten die künftigen Herrscher des Landes, die Herzöge von Savoyen, den edlen Carema zu schätzen. Bekanntermassen nährte das erlauchte Haus gelegentlich auch Trotzköpfe unter seinem Dach. Emmanuele Filiberto, der Streitsüchtige von Saint Quentin, der auf die Franzosen gar nicht gut zu sprechen war - schliesslich hatten sie sich seine Weingüter unter den Nagel gerissen - blieb zum Beispiel dem im Vergleich zum Carema weitaus robusteren Gattinara bis zu seinem späten Ableben treu. Der Unglücksrabe Carlo Alberto, dem die Mächte der europäischen Restauration die voreilige Verkündung einer bürgerlichen Verfassung nie verzeihen konnten, demonstrierte seine liberale Haltung, indem er den Geschmack des noch 'gängigeren' Freisa schätzte. Mag Carlo Alberto in der Politik auch Pech gehabt haben, in Sachen Wein hatte er einen guten Riecher: Seine einstigen Weinberge sind heute Eigentum und Stolz der Firma Cinzano.

Zahlreiche aristokratische Besitzer und Weine finden sich auch in der Toskana, seit zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Grossherzogtum in bald zu Ruhm gelangende Weinanbaugebiete namens Chianti, Carmignano und Val d'Arno aufgeteilt wurde. Bei dieser Teilung erwiesen sich die Habsburg-Lothringer zweifelsohne als weitsichtige, aufgeklärte Herrscher. Als Verbindungsglied zum modernen Italien wirkte in der Toskana später der Baron Bettino Ricasoli, Minister des Königs, welcher in seinen toskanischen Weinbergen regelrechte formule di governo einführte, die jedoch kaum Ähnlichkeit mit seinen Massnahmen als Regierungsmitglied hatten. Denn im Weinanbau erwiesen sich seine Anregungen als weitaus vernünftiger und einträglicher als in der Politik.

Mit der Wahl ihrer Weinnamen erwecken die Lombarden den Eindruck, dass sie alle sehr gelehrt und Anhänger des überaus trübsinnigen Dichters Dante waren. Im Einklang mit dem strafenden toskanischen Dichter wecken die Namen der lombardischen Weine manch schauderhafte Assoziation wie etwa 'lästig-verdriesslich' bei Clastidio, 'klumpig-knottelig' beim Grumello, 'heiss-brennend' beim Inferno und beim Buttafuoco, 'steinig-holperig' beim Sassella oder gar 'fröstelnd-peinigend' beim Valgella. Im übrigen schmecken sie aber, ihren Namen zum Trotz, allesamt ausgezeichnet.

In Kampanien kommt die Vorstellung des Weines als Panazee, als Allheilmittel, besonders zur Geltung, was aus Sprüchen wie "Vino fa buon sangue" [Wein macht gutes Blut] hervorgeht. Die für ihre experimentell-induktiven Forschungsmethoden berühmte medizinische Schule von Salerno (11. - 13. Jahrhundert) empfahl, gegen die Restbeschwerden übertriebenen Weingenusses ein weiteres Quantum Wein einzunehmen. In Norditalien war während der K.-u.-K.-Zeit im Gebiet des Carso der Terrano-Wein als Aufbaumittel in den Apotheken erhältlich. Im nicht weit entfernt gelegenen Venetien empfiehlt die praktische Medizin noch heute den roten Merlot gegen Anämie und Müdigkeit (8 Gläser zu 1/10 Liter täglich). Der weisse Traminer wirkt vorzüglich gegen Grippe und Erkältung (gleiche Dosierung). Ein Glas Ribolla gialla nach den Mahlzeiten hilft gegen Dyspepsie und sonstige Verdauungsstörungen. Die gleiche Menge Pinot grigio soll hingegen Bronchitis lindern. Ein Glas prickelnden Verdisos empfiehlt sich während der Rekonvaleszenz von Infarktgeschädigten. Blutspendern wird schliesslich zur Neubildung des Blutes roter Raboso empfohlen.

In der italienischen Weinkultur gehört das Nebeneinander heilender und gesundheitsschädigender Wirkungen des edlen Rebensaftes zu den festen Topoi. Im negativen Bereich darf darum die düstere Gestalt von Cesare Lombroso nicht fehlen. Seine im Jahre 1880 vorgelegten Diagramme und Klassifikationen aller pathologischen, auf übertriebenen Weingenuss zurückzuführenden Leiden wirken noch deprimierender als Giovanni Vergas Roman I Malavoglia. Die peinlich genauen Angaben des Gelehrten über die vom Alkoholismus verursachten Halluzinationen sind in der europäischen Kultur nur noch den Dämonen von Hieronymus Bosch oder Füssli vergleichbar ...

Von Ignazio Toscani



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