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Im Rausch der Internationalität

Am Anfang war der Tignanello. Die Weinkundschaft im Ausland nahm eines Tages zur Kenntnis, dass die Italiener imstande sind, Weine von internationalem Format zu machen. Geschliffene Cabernet-Struktur, feine Barrique-Noten, leise Peperoni- und Vanillearomen, ohne den Geruch alter Fässer und ohne andere Ausbaufehler. Den Neuen - den Tignanello -, der übereifrig mit den berühmtesten Gewächsen aus Bordeaux und Kalifornien verglichen wurde, nahm man begeistert auf. Alle wollten ihn haben, und bald war er so knapp, dass man seine Abgabe kontingentieren musste. Aber der Botschafter der neuen italienischen Önologie blieb nicht lange allein.

Als in den frühen achtziger Jahren der Weinkonsum in Italien von hundert auf fünfzig Liter pro Person und Jahr zusammensackte und man sich im Zeichen der Überproduktion nach neuen Absatzmärkten umschauen musste, winkte der bisher von den Franzosen kontrollierte Exportmarkt für Qualitätsweine. Die Italiener begannen, in Qualität zu investieren und den Stil der Bordeaux-Weine zu kopieren. Sie verringerten die Hektarerträge und brachen ihre Önologie auf den neuesten Stand. Innert weniger Jahre machten Dutzende von Produzenten auf sich aufmerksam. «Kultweine» schossen wie Pilze aus dem Boden. Alle beruhten sie auf dem gleichen Rezept: dunkle Farbe, dichte Struktur, spürbares Holztannin, Röst- und Vanillearomen und meist ein spürbarer Eichengeschmack, zu dem sich immer häufiger eine krautige Cabernet-Note gesellte.

Zuvor hatten die meisten der neuen Winzerstars in bäuerlicher Misere gelebt, sie waren Kinder unbekannter Traubenbauern, die sich für ein mieses Traubengeld abrackern mussten. Nun hatten sie plötzlich Erfolg, die Journalisten stritten sich darum, sie als erste entdeckt zu haben, und die Weinimporteure und deren Kundschaft schienen jeden Preis für die neuartigen Weine bezahlen zu wollen.

Die Produzenten schufen im Rausch ihrer internationalen Ambitionen Phantasieweine im Vino-da-tavola-Status. Sie genossen die neue stilistische Freiheit und probten mit den unerwartetsten Sortenkombinationen herum, stets bei deutlicher Barriqueveredelung. Je unmöglicher die Cuvée, je verrückter das Etikett, je schwerer die Flasche, desto besser liessen sich die Weinexperimente absetzen.

Der kommerzielle Erfolg und die unkritischen Lobeshymnen der Weinpresse trieben die Winzer zu weiteren Taten an. Bald legten sie Hand auch an klassische Weine: Selbst Barolo, Chianti Classico und Amarone waren vor Barrique und Cabernet nicht mehr sicher. Heute gibt es kaum mehr einen italienischen Wein über zwanzig Franken, der nicht nach französischer Eiche duftet. Alles mit viel Aufwand in Weinberg und Keller gemachte Weine, versteht sich, alles «grosse Weine» und alle sehr ähnlich.

Italien hat das Glück, über eine ganze Reihe ausserordentlicher Rebsorten zu verfügen. Sorten, von denen die meisten oft nur in begrenzten Anbaugebieten Hervorragendes ergeben, anderswo hingegen völlig versagen. Und es ist die durch Böden, Mikroklimas und Sorten bewirkte Unterschiedlichkeit der Weine, die die Welt des Weins auch in Italien so interessant macht. Leider geht die Ambition vieler italienischer Weinmacher in die entgegengesetzte Richtung: Sie setzen alles daran, diese Differenzen zu verwischen. Sie haben sich in den Kopf gesetzt, die Weine immer «besser» zu machen. «Absolute Qualität» lautet ihre Devise. Und tatsächlich lässt sich ja nicht leugnen, dass ein kleiner Spritzer Cabernet und ein paar Splitter nobles Holz die Weine besser machen. Besser - und gleicher! Wir sind heute schon soweit, dass ein apulischer Primitivo, ein umbrischer Sagrantino und ein Pignolo aus dem Friaul kaum mehr auseinanderzuhalten sind. Oder der Barolo! Die Degustation der 94er ist schiere Langeweile! Superteure Weine, fast alle nach dem gleichen Schnittmuster gefertigt, alle geschniegelt, sauber, einheitlich mit einem Holzgeschmack, der ihnen wie Rekrutenuniformen steht. Monforte, La Morra, Castiglione Falletto, Barolo, Serralunga?

Die Frucht des Barolo und sein natürliches Traubentannin - die «fingerprints» eines jeden Rotweins - wurden der önologischen Eitelkeit der Weinmacher geopfert. Vermutlich ist es für ein Umdenken noch zu früh, auch wenn Beobachter die Gefahr erkennen, die dem italienischen Wein droht, falls er sich im Geschmack immer internationaler zu gebärden versucht, gleichzeitig jedoch Raritätenpreise erwartet. Sie geben zu bedenken, dass auch in Italien internationale Weine nur dort erzeugt werden sollten, wo die Produktionskosten tief sind. Kritiker äussern sogar, es sei völlig verfehlt, in der Toskana oder im Piemont etwas anderes als Nischenweine zu erzeugen, die das «Terroir» ausdrücken. Nicht nur wegen der hohen Produktionskosten, meinen sie, sondern auch, weil ein «internationaler» Barolo oder ein «internationaler» Chianti Classico bestenfalls Karikaturen ihrer internationalen Vorbilder seien.

Terroir - Summe aller natürlichen Einflüsse auf den Weincharakter! Terroir ist das höchste aller Weingefühle. Es lässt sich zwar nicht messen und nur schwer beschreiben, man liest es auf keinem Weinetikett. Terroir muss man erschmecken und erriechen. Wer Terroir-Weine sucht, dem wird wohl nicht erspart bleiben, selbst zum Degustationsglas zu greifen - fünf oder acht Chianti Classico, Barbaresco oder Vino Nobile vor sich - und jenen zu erschmecken, der ganz ohne Fehler und ohne störenden önologischen Firlefanz ist. Achtung aber vor der Falle, in die auch die professionellen Tester tappen: Barrique und Cabernet machen Weine tatsächlich besser!

Autor: Andreas März
lebt in der Toskana und ist verantwortlicher Redaktor von «Merum», einer Fachzeitschrift für italienische Weine und Lebensmittel. (Erscheint in Basel)




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