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Gelasio Gaetani

Der italienische Adlige und gefrage Weinberater Gelasio Gaetani über reiche Banausen, Zapfen und Pfauengehabe. Er hat Päpste in seinem Stammbaum, reiche Kunden und schöne Frauen in seiner Agenda: Conte Gelasio Gaetani, Gutsbesitzer und Weinberater der Highsociety.

Einem Herrn mit dem klingenden Namen Conte Gelasio Gaetani d’Aragona Lovatelli würde doch eine englische oder italienische Luxuskarosse gut anstehen, am besten mit livriertem Chauffeur. Doch Gelasio, wie er sich unprätentiös heissen lässt, fährt höchstselbst, und zwar einen alten, verbeulten BMW. «Vermindert den Stress beim Parkplatzsuchen und fällt nicht so auf», sagt der 43jährige Blaublüter. Und überhaupt: Er hasse dieses wichtige, aufgeblasene Getue, das vielen Leuten in Italien eigen sei.

Grosse Worte eines Mannes, der zu einer der ältesten Familien des Landes gehört? Oder schlicht Koketterie von einem, der sichs leisten kann, auf Understatement zu machen? Zwei Päpste immerhin - Gelasius II. (1118 bis 1119) und Bonifatius VIII. (1294 bis 1303) - gehörten zu seiner Familie, dem Geschlecht der Gaetani, was sie in den auserwählten Kreis der Nobiltà Nera erhoben hat. Bis zum heutigen Tage ist dieser schwarze Adel, ein Clan von 800 einflussreichen Familien, mit den hohen Herren des Vatikans verbandelt.

Päpstliche Weihen aber werden Gelasio Gaetani nur noch selten zuteil. «Einmal im Jahr werden wir in den Vatikan geladen, mehr nicht.» Zudem sei er ins falsche Jahrhundert hineingeboren, um allein vom Adelstitel leben und profitieren zu können. Conte Gelasio Gaetani verdient sein Geld - beinah wie unsereins - mit ganz profanen Dingen: Er arbeitet, auf seinem Weingut Argiano in der Toscana, und produziert einen Brunello di Montalcino.

Der Conte beliebt, nur junge Rotweine zu trinken

Der Stolz und das Machtstreben aber scheint dem Ahnen zweier heiliger Väter nicht abhanden gekommen zu sein. Er sei der Einzige in Italien, der die prestigeträchtige Auszeichnung des Londoner Institute of Masters of Wine besässe, betont er. Und als Kenner des italienischen Rotweins gelte er als einer der Besten seiner Branche.

Zielsicher und in forschem Tempo fährt er Roms Via Veneto Richtung Altstadt hinunter, kurvt sein ohnehin schon verbeultes Vehikel entsprechend entspannt durch die schmalen Gassen. In einer Trattoria des Centro Storico solls den besten Tomino geben, einen warmen Weichkäse, der mit frischen weissen Trüffeln serviert wird. Zudem «ist der Wein dort ganz gut», erwähnt der Conte beiläufig - offenbar gewohnt, dass seine bacchantischen Kenntnisse nicht in Zweifel gezogen werden.

Gelasio Gaetani begann seine Karriere als US-Weinimporteur bei Marchesi Antinori und ist heute vor allem als Weinberater tätig, zum Beispiel für das Londoner Auktionshaus Sotheby’s. Immer mehr Kapitalgeber seien heute zwar gewillt, in edle Tropfen zu investieren, hätten aber zu wenig Ahnung, auf welche Flasche sie setzen sollen, sagt er. Genau dann wird sein Rat gebraucht. «Es gibt nur sehr wenige Rotweine, die nach 50 Jahren noch zu geniessen sind und an Wert gewinnen. Die meisten sind dann schon Essig.»

Ihm persönlich schmecke von den italienischen Rotweinen keiner, der älter als sieben Jahre sei, sagt Gaetani, sichtlich daran interessiert, sein Gegenüber zu provozieren. «Wir haben in Italien fast keine hochkarätigen Weine, sondern produzieren vor allem billigen Fusel.» Einzig der Sassicaia, der Tignanello, die grossen Brunelli di Montalcino und ein paar wenige andere könnten es mit den französischen Spitzenweinen aufnehmen. Zu den «wenigen anderen» gehört für ihn auch ein Rotwein aus Südtirol, der Cabernet dell’Alto Adige von Castel Schwanburg.

Auch wenn Gaetanis Ansichten bei vielen Weinmachern Italiens auf Widerspruch stossen müssen - seine Kunden, vor allem Promis und VIPs, vertrauen seinem Urteil blind. Er sorgt dafür, dass sie bei wichtigen Anlässen nicht den falschen Tropfen kredenzen, oder er richtet ihnen einen vorzeigewürdigen Weinkeller ein. Modedesigner Valentino habe ihm vergangenes Jahr rund 200'000 Franken in die Hand gedrückt, um den Weinkeller seines Schlosses in Versailles nachzufüllen. Andere haben sich vom Herrn Grafen gleich einen ganzen Rebberg anbauen lassen. Fiat-Chef Gianni Agnelli etwa in der Toscana oder Schauspieler Michael Douglas in Andalusien. Und natürlich verlässt sich auch die millionenschwere Gesellschaftslöwin Ivana Trump auf Gaetanis feine Nase - schliesslich ist sie seit geraumer Zeit mit seinem älteren Bruder Roffredo liiert.

Dabei ist er sich durchaus bewusst, dass sich viele seiner Kunden mehr von seiner Herkunft und seinem Adelstitel als von seinen Kenntnissen beeindrucken lassen. «Früher hatte ich Komplexe wegen meiner Herkunft. Heute spiele ich diesen Trumpf gezielt aus.»

Kaum stelle er sich als Conte d’Aragona vor, öffne ihm die Highsociety ihre Türen, sei es nun in Rom, in London oder in Los Angeles. Wie viele schöne Frauen, zum Beispiel Hollywoodstar Sharon Stone, hinter diesen Türen warten, will er hingegen nicht kommentieren. Die Regenbogenpresse hat sich dieses Themas schon allzu oft angenommen und ihn, den Ex-Ehemann der schwerreichen Cinzano-Erbin Noemi, auf einen Partyhengst und Herzensbrecher reduziert.

«Nichts als Vorurteile», sagt Gaetani, offensichtlich nicht gewillt, sich mit den Vorwürfen auseinander zu setzen. Schon bei seiner Familie habe er sich gegen solche und andere Klischees immerzu wehren müssen.

Also spielte er den Rebell, kaufte eine Harley-Davidson, auf der er vornehmlich im Sommer die Strassen Roms unsicher macht, und liess sich Haare und Kinnbart wachsen, um den Nonkonformisten zu markieren. Doch das blaue Blut schimmert hartnäckig durch - ebenso wie der Habitus eines Mannes, der es nicht unbedingt nötig hat, sein Geld mit Arbeit zu verdienen. «Dem Adligen ergeht es wie den Frauen - sie müssen doppelt so viel leisten, um ernst genommen zu werden», lamentiert er und holt im gleichen Atemzug zu einem Rundumschlag gegen seine Branche aus, in der vor allem der Bluff regiere. «Ein paar Fachausdrücke hier und das richtige Benehmen dort, und jeder kann sich als Weinexperte ausgeben.» Keine Frage, dass er die Ausnahme ist. «Die Tatsache, dass ich etwas mehr von Wein verstehe als andere, hat allein mit dem Umstand zu tun, dass ich etwas mehr Wein gekostet habe als der Durchschnittsbürger.»

Wobei er die Mehrheit der Weintrinker zu den unwissenden Durchschnittsbürgern zu zählen scheint: «80 Prozent der Leute, die im Restaurant eine Flasche zurückgeben, weil der Wein angeblich Zapfen hat, verstehen nichts davon», behauptet er und geniesst einmal mehr, sein Gegenüber mit seinen unorthodoxen Meinungen zu provozieren. Er selber habe noch nie einen Wein refüsiert, nur weil er nach Zapfen gerochen habe. «Denn der Zapfen, wenn der Wein denn einen solchen Geschmack hat, verflüchtigt sich in den meisten Fällen schnell.»

Andere Weintrinker sind da wohl weniger geduldig oder weniger grosszügig gegenüber dem Restaurateur. Sylvester Stallone hat vor zwei Jahren in einem New Yorker Edelrestaurant drei Flaschen eines Weines von Gaja zu je 600 Dollar zurückgegeben, weil diese angeblich Zapfen hatten. «Das ist dummes Pfauengehabe, Schickimicki-Zeugs», sagt er zusehends ungehaltener. «Wer beeindrucken will, gebärdet sich heute als vermeintlicher Weinexperte. Wein ist eben leider zu einem Statussymbol geworden.»

Gaetani ist überzeugt, dass Siziliens Weine eine grosse Zukunft haben

Was ihn nicht weniger nervt, ist die sich hartnäckig haltende Meinung, zum Fisch müsse partout Weisswein getrunken werden. Dazu gäbe es gar keinen Grund. «Weisse Trauben sind an Küstenregionen besser anbaubar als rote. Deshalb hat man dort begonnen, Weisswein zu trinken. Zufälligerweise lag auf dem Teller Fisch. Wären Kartoffeln aus dem Meer gezogen worden, würden wir den Weisswein heute zu Pommes frites trinken.» Er selber ziehe Roten zum Fisch vor.

Was die Zukunft des italienischen Rotweins betrifft, so ist Gaetani davon überzeugt, dass die Lagen auf der Insel Sizilien zu den am meisten Erfolg versprechenden Anbaugebieten gehören. Eine Prognose immerhin, die er mit anderen Weinkennern Italiens teilt. Ein Beweis für die Entwicklungsfähigkeit sizilianischen Weinbaus sei für ihn die Arbeit der Geschwister Alessandro und Francesca Planeta. Im «Vini d’Italia 1999», dem aktuellen, von Gambero Rosso herausgegebenen Weinführer, wurde deren Weinkeller auf Sizilien zur Nummer eins des Jahres gewählt.

Zwei Weinflaschen später und um ein paar Tomini mit Trüffeln schwerer steuert der Conte wieder seinen verbeulten BMW durch die schmalen Gassen. Es ist Samstag gegen Mitternacht, und noch immer herrscht in Roms Zentrum Stossverkehr. Mit dem Fuss auf dem Gaspedal flitzt Gaetani, plötzlich auf der Tramschiene fahrend, an der stehenden Kolonne vorbei. Sind Herr Graf nicht etwas übermütig? Viel Wein im Kopf und keine Freibriefe mehr in der Tasche.

Schlimmer als seinen berühmten Vorfahren könne es ihm ja nicht ergehen, gibt er bestens gelaunt zurück. Papst Gelasius II., sein Namensvetter, wurde nach nur einem Amtsjahr von der rivalisierenden Adelsfamilie der Frangipane gefoltert und vertrieben. «So gesehen, kann man der Moderne durchaus positive Seiten abgewinnen», sprichts und fährt mit quietschendem Keilriemen davon.

VON WALTER DE GREGORIO



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